Die Macht der Gefühle

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Gefühle bestimmen unser Leben, auch wenn sie lange Zeit einen geringeren Stellenwert hatten als der Verstand. Aber: Der Mensch ist nun mal ein „sinnliches“ Wesen: Wir haben Gefühle und Empfindungen – fühlen Wärme, Kälte oder Regen auf unserer Haut, verspüren Lust und Schmerz, wir haben Hunger oder Durst, wir trauern oder lachen, sind wütend oder haben Angst. Und wir sind in der Lage, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen. Gefühle lassen sich schwer kontrollieren, sie sind plötzlich einfach da. Und sie beeinflussen den Körper und die Körpersprache.

Wer immer schlecht gelaunt ist, hat eine entsprechende Körperhaltung, hängende Schultern beispielsweise, oder einen mürrischen Gesichtsausdruck. Diese Signale kommen bei anderen an und lösen eine Reaktion aus, beispielsweise Distanzierung oder Ablehnung. Fröhliche Menschen wirken dagegen auf andere anziehend. Nicht umsonst sagt man, gute Laune sei ansteckend. Von einem lachenden Gesicht fühlen wir uns angesprochen. Werden wir angelächelt, lächeln wir automatisch zurück. Außer – wir sind mies drauf. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie seltener angelächelt werden, wenn Sie schlechte Laune haben? Dabei ist Lachen doch so gesund. Und egal, in welcher Kultur Sie unterwegs sind – Lachen ist eine Brücke zu anderen Menschen. Denn jenseits aller Sprachbarrieren kommunizieren wir Menschen über unsere gefühlsgesteuerte Gestik und Mimik – und werden verstanden.

GRUNDGEFÜHLE SIND INTERKULTURELL
In der Psychologie gibt es eine Reihe von Gefühlen, die als „Grundgefühl“ bezeichnet werden und die in allen Kulturen vorhanden sind. Dazu gehören – je nach Anschauung zwischen vier und mehr – beispielsweise Angst, Wut, Freude, Trauer, Überraschung, Liebe, Begehren, Ekel, Verachtung. Egal, ob Sie sich am Äquator oder am Nordpol ärgern oder freuen, Ihr Gegenüber kann Ihren Gesichtsausdruck interpretieren. Es haben sich sogar schon Menschen ineinander verliebt, die keine gemeinsame Sprache hatten.

Schaut man die Grundgefühle an, sieht es so aus, als gäbe es mehr negative als positive. Vielleicht weil Gefühle auch in der Lage sind, uns zu schützen. Wer sich ekelt, isst vermutlich instinktiv keine giftigen oder verdorbenen Speisen. Angst macht vorsichtig, Wut hilft, sich zu verteidigen usw. Auf diesen Grundgefühlen entwickelt sich das breite Spektrum unserer Gefühlswelt. Das fängt schon früh an, nämlich im Mutterleib. Das Ungeborene bekommt die Gefühle seiner Mutter sozusagen hautnah mit, die guten wie die schlechten. Und schon Babys zeigen deutlich, ob sie sich freuen oder ängstlich sind.

KOPF ODER BAUCH?
Gefühle sind eine komplizierte Sache. Sie sind sehr komplex. Sie lassen sich nicht aufschneiden oder unter dem Mikroskop betrachten, sie bleiben irgendwie vage, selbst wenn man über sie spricht oder versucht, sie zu beschreiben. Sie lassen sich einerseits beeinflussen, aber manchmal werden wir von ihnen regelrecht übermannt. Sie sind schwer zu verorten. Wir fühlen mit Körper und Seele, entscheiden aber oft rational. Im übertragenen Sinn sitzt im Gehirn der Verstand, die Liebe im Herz- und das Gefühl? Vielleicht im Bauch. Es gibt viele Menschen, die sich auf ihr „Bauchgefühl“ oder ihre Intuition verlassen, obwohl es keinen Beweis für seine Existenz gibt. Andere Menschen nehmen ihr Bauchgefühl gar nicht wahr. Möglicherweise wohnen Verstand und Gefühl aber auch in einer untrennbaren Gemeinschaft im Gehirn, denn neurologisch lassen sich Gefühle anhand der Aktivität bestimmter Gehirnregionen ablesen. Lange galt der Verstand als Entscheidungshoheit über unser Handeln. Aber im Grunde genommen ist der Mensch ein Spielball seiner Hormone. Der Frühling ist ein gutes Beispiel.

MEHR LEBENSFREUDE BEI SCHÖNEM WETTER
Wenn die Sonne scheint und es wärmer wird, geht es vielen Menschen besser. Es wird wieder heller und damit steigt der Serotoninspiegel. Serotonin ist ein Botenstoff. Botenstoffe sind für die Übertragung von Signalen zuständig. Im Winter sinkt der Serotoninspiegel – ein Grund für Wintermüdigkeit und getrübte Stimmung. Im Frühling steigt er langsam wieder an – und damit hebt sich die Laune, denn Serotonin beeinflusst das psychische Wohlbefinden und hebt die Stimmung. Aber nicht nur das. Der Botenstoff wirkt auch auf das Sexualverhalten. Weshalb wir uns im Überschwang unserer Frühlingsgefühle leichter verlieben. Angeblich soll sich ja sogar die Jahreszeit der Geburt auf das Temperament auswirken, Winterkinder sollen eher ruhiger sein und Sommerkinder eher zu Stimmungsschwankungen neigen … Belegt ist das allerdings nicht. Sicher ist nur, dass Gefühle unser Leben, unser Verhalten und unsere Handlungen beeinflussen und Gefühle von Botenstoffen und Hormonen ausgelöst werden.

GLÜCKSGEFÜHLE
Wenn Menschen nach ihren Wünschen gefragt werden, sagen sie häufig „Glück“, weil sie am liebsten glücklich sind. Etwas neidisch kann man werden, wirft man einen Blick nach Bhutan. Dort hat der König das Glück zum Staatsziel erklärt.

Glück erlebt man aber nicht erst mit dem Sechser im Lotto oder wenn DIE große Liebe gefunden ist. Glücksgefühle stellen sich beispielsweise auch bei Tätigkeiten ein, die wir gerne und konzentriert tun, wie Sport, singen, malen oder Bewegung in der freien Natur. Dann werden sogenannte „Glückshormone“ im Körper freigesetzt. Dazu gehören Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und ß-Endorphin. Sie treiben an, aktivieren, motivieren und hellen die Stimmung auf und machen, wie das körpereigene Opiat ß-Endorphin, schmerzunempfindlich und „high“. Wenn Läufer beispielsweise einen „Flow“ oder ein „Runners high“ erleben, sind Endorphine wesentlich beteiligt: Der Verstand ist abgeschaltet, der Läufer ist vollkommen eins mit seinem Körper, spürt keine Mühe, keine Schmerzen und läuft in einem Glücksrausch. Wer das einmal erlebt hat, will diesen Zustand immer wieder erreichen. Deshalb werden Glückshormone auch oft als körpereigene Drogen bezeichnet.

DIE LIEBE – EINE HIMMELSMACHT?
Besonders glücklich sind Menschen, wenn sie sich verlieben. Aber es haben keine höheren Mächte die Hand im Spiel, obwohl viele Verliebte an eine schicksalhafte Begegnung glauben. Es sind Hormone, die das Heft in der Hand haben. Bei hochgradiger Verliebtheit sinkt der Serotoninspiegel im Blut, der Dopaminspiegel steigt und Adrenalin wird ausgeschüttet. Deshalb sind Liebende oft nervös, aufgeregt, haben Herzklopfen und sind sexuell leicht erregbar. Der niedrige Serotoninspiegel führt auch dazu, dass sie von einer Sekunde zur anderen von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt sein können, wenn sie sich vom Partner zurückgewiesen fühlen. Verliebte fühlen sich zu zweit am wohlsten und wollen einander körperlich so nah wie möglich sein. Der Grund: Vertrauensbildende Bindungshormone, wie das sogenannte „Kuschel- oder Liebeshormon“ Oxytocin, werden in hohen Mengen ausgeschüttet, ebenso das Hormon Vasopressin. Oxytocin löst nicht nur die Wehen aus, sondern es verstärkt außerdem die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind, bei Menschen wie auch bei Tieren. Und sogar, wenn Herrchen und Hund eine enge Beziehung haben, steigt ihr Oxytocinspiegel, wenn sie sich innig in die Augen schauen.

Leider werden Glückshormone im Blut auch immer wieder schnell abgebaut – weshalb Glück nie von Dauer ist. Man muss sich immer wieder neu darum bemühen. Aber es ist die Sache wert. Denn: Glück und Zufriedenheit haben einen großen Einfluss auf die körperliche und geistige Gesundheit. Glückliche Menschen sind entspannter,
schmerzunempfindlicher, leiden seltener unter Bluthochdruck und sie haben ein positiveres Selbstbild. Außerdem leben sie länger – vermutlich glücklich.

BEI NEGATIVEN GEFÜHLEN …
Grundsätzlich sind Gefühle natürlich weder negativ noch positiv, denn jedes Gefühl hat seine Existenzberechtigung. Gefühle sind eine gute Sache, denn sie lassen uns spüren, was wir wollen oder brauchen. Aber sie können sich auch gegen uns wenden. Etwa, weil sie unterdrückt oder ignoriert werden. Allein die Energie, die man braucht, um sie zu verdrängen, geht an anderen Stellen des Lebens verloren. Lebt man immer den eigenen Gefühlen – und damit den eigenen Bedürfnissen entgegen, machen sie krank. Und zwar nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Ärger, der nicht geklärt und damit aus der Welt geschafft wird, führt zu unterdrückter Wut und damit zu Dauerstress. Denn der Adrenalinspiegel im Blut steigt. Stress – wir wissen es alle – steigert den Blutdruck, belastet das Herz, führt zu Verdauungsproblemen, wirkt sich auf die Potenz aus und beeinträchtigt die Lebensqualität.

Es gibt eine Reihe von Gefühlen, die das Leben vergällen können: beispielsweise Eifersucht, Verzweiflung, Schuldgefühle, Scham, Enttäuschung oder Neid. Sie können das Schmerzempfinden steigern, Muskelverspannungen und Kopfschmerzen hervorrufen oder zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit führen. Belastende Gefühle sollten also verarbeitet werden, zur Not mit professioneller Hilfe.

… POSITIV DENKEN.
Wenn Sie durch die Stadt fahren und mehrmals hintereinander an einer Ampel stehen bleiben müssen, wäre es absurd zu denken, dass das nur passiert, um Sie persönlich zu ärgern. Sie können sich jetzt über den Zeitverlust aufregen und kommen trotzdem keine Minute schneller zum Ziel. Sind Sie erst einmal auf diesen Zug aufgesprungen, wird jede neue Verzögerung Sie noch mehr auf die Palme bringen. Wenn es nichts nützt, sich aufzuregen – warum tun Sie es dann? Sie können stattdessen üben, diese negative Haltung durch eine positive zu ersetzen. Denn Sie verlieren keine Zeit, im Gegenteil: Bei jedem Stopp gewinnen Sie Zeit für sich. Diesen Zeitgewinn können Sie nutzen, um über etwas Angenehmes nachzudenken, Pläne für den Urlaub zu schmieden, Ihren Lieblingssong im Auto laut mitzusingen oder sich an irgendetwas anderem zu erfreuen.

Dass Körper und Geist eine Einheit bilden und sich wechselseitig beeinflussen, hat also nicht nur negative Auswirkungen. Es bietet auch die Chance, ungute Gefühle „umzuprogrammieren“. Wer bestimmte Situationen von vorneherein immer negativ einschätzt, erlebt sie häufiger schlechter, als sie sind. Weil der Blickwinkel oder die Erwartungshaltung die Wahrnehmung bestimmt, wird das Gehirn regelrecht auf miese Gedanken programmiert. Negative Emotionen aktivieren andere Gehirnbereiche als positive. Wer es also schafft, negative Gedanke durch positive zu ersetzen, wird über kurz oder lang eine wesentlich optimistischere Grundhaltung gewinnen. Je häufiger Sie sich von Ihrem Ärger und Ihren negativen Gedanken distanzieren und sich auf die positiven Aspekte konzentrieren, umso häufiger sind Sie gut gelaunt. Weil bei positiven Gedanken verbunden mit positiven Gefühlen das Belohnungszentrum im Gehirn angesprochen wird, verselbstständigt sich dieser Prozess nach einer Weile. Sie werden optimistischer und lebensfroher durch die Welt gehen, weil Ihre Wahrnehmung nicht nur auf die negativen Ereignisse fokussiert ist.

Und plötzlich ertappen Sie sich vielleicht dabei, dass Sie einem Passanten ein Lächeln schenken – und freudig überrascht feststellen, dass es erwidert wird.

 

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