Wenn „Zivilisation“ krankmacht

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Endlich Feierabend! Heidrun M. (55) war müde, sie wollte nur noch schnell tanken und dann nach Hause ins Bett. Schon den ganzen Tag hatte sie sich unwohl gefühlt. Als sie von der Tankstelle rollte, setzte ihr Herz aus. Dass sie auf ein anderes Fahrzeug auffuhr, merkte sie schon nicht mehr. Glück im Unglück: einer der Unfallzeugen war Arzt. Er erkannte die Situation, zog die Bewusstlose aus dem Auto und begann sofort mit einer Herzmassage. Im Krankenhaus lag Frau M. mehrere Tage auf der Intensivstation im künstlichen Koma. Als sie aufwachte, wurde erst klar, wie viel Glück sie hatte. Denn ihr Gehirn hat vermutlich keine bleibenden Schäden durch einen Sauerstoffmangel davongetragen.

Das hätte auch anders ausgehen können. Allein am Herzinfarkt starben 2014 rund 48.000 Menschen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den sogenannten Zivilisationskrankheiten. Die englische Bezeichnung „Lifestyle disease“ beschreibt besser worum es dabei geht – um Krankheiten, die sich dem Lebensstil verdanken. Ironie des Fortschritts: die moderne medizinische Versorgung, hohe Hygienestandards und ausreichend Nahrung schaffen die besten Voraussetzungen für ein hohes Alter. Aber gleichzeitig sind die moderne Lebensweise und der Wohlstand zu Gesundheitsfallen geworden.

Zu viele Kalorien, zu wenig Bewegung – Risikofaktor Übergewicht
Während sich der Mensch früher lange beim Sammeln und Jagen bewegen musste, um überhaupt essen zu können, stapelt sich heute ein Überangebot an Lebensmittel in den Supermärkten. Dazu muss man nur auf dem Parkplatz aus dem Auto steigen, sich bedienen und anschließend die „Beute“ wieder mit dem Fahrzeug nach Hause bringen. Bewegung sieht anders aus. Die Folge: Übergewicht – und das auch schon bei Kindern. Wird Übergewicht zu Fettleibigkeit und liegt der BMI über 30 sind ernsthafte Folgen in Sicht. Eine ungünstige Fett Verteilung im Körper kommt verschärfend hinzu, denn Bauchfett kann den Stoffwechsel beeinflussen. Übergewicht gilt als Risikofaktor unter anderem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das metabolische Syndrom (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und gestörte Glukosetoleranz) sowie Diabetes. Jeder zweite Deutsche ist mittlerweile zu dick.

Herz-Kreislauferkrankungen – die häufigste Todesursache
Unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden alle Erkrankungen des Herzens und des Blutgefäßsystems zusammengefasst. Hier finden sich Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck und Arterienverkalkung ebenso wie Herzklappenfehler oder Blutgerinnsel (Thrombosen). Im wesentlich lassen sie sich nach angeboren oder erworben unterteilen. Erworben heißt meistens: dem Lebensstil zu verdanken. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Etwa 40 Prozent aller Todesfälle gehen auf ihr Konto.

Bluthochdruck ist ein stiller Killer. Da ein erhöhter Blutdruck meistens keine Symptome hervorruft und erst, wenn er extrem erhöht ist zu Kopfschmerzen oder Schwindel führt, sollte jeder ab dem 35. Lebensjahr seinen Blutdruck im Auge behalten. Denn in diesem Alter leidet schon fast jeder zehnte unter Bluthochdruck. Und er sollte immer gesenkt werden, denn er kann zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder Organveränderungen führen. Helfen keine Veränderungen des Lebensstils, wird der Arzt ein Medikament verordnen. Denn klettert der Blutdruck in die Höhe und kommt eine ungünstige Ernährung dazu, die den Blutfettgehalt steigert, können sich Ablagerungen an den inneren Gefäßwänden bilden, die deren Elastizität beeinträchtigen und den Gefäßquerschnitt verringern. Damit wird der Durchfluss behindert. Es kommt zur sogenannten Arteriosklerose. Sie kann zu koronaren Herzerkrankungen führen, und im schlimmsten Falle zum Herzinfarkt.

Doch nicht nur im Herzen, auch im Gehirn hat eine Durchblutungsstörung schwerwiegende Konsequenzen. Auch wenn nicht jeder Schlaganfall tödlich ist, so können doch Lähmungen oder Sprach- und Sehstörungen zurückbleiben. Das ist bei etwa einem Drittel der Patienten der Fall. Die kleine Schwester des Schlaganfalls, die sogenannte TIA (transitorische ischämische Attacke), ist eine vorrübergehende Durchblutungsstörung, die ähnliche Symptome hat, wie ein Schlaganfall, aber schon nach wenigen Minuten vorüber ist. Eine TIA gilt als mögliche Vorbotin eines Schlaganfalls.

Krebserkrankungennach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Nummer Zwei
2012 erkrankten laut Robert-Koch-Institut in Deutschland rund 252.000 Männer und 225.000 Frauen an Krebs. Auch wenn die Erkrankungszahlen zu stagnieren scheinen und bei einigen Krebsarten sind die Zahlen rückläufig sind, kann nicht von einer Entwarnung gesprochen werden. Denn andere Krebserkrankungen nehmen zu. Beim Mann ist häufigste Krebserkrankung Prostatakrebs, dann Lungenkrebs und Darmkrebs. Frauen erkranken am häufigsten an Tumoren der Brustdrüse, gefolgt von Darm- und Lungenkrebs. Die Prognosezahlen für 2016 gehen von insgesamt rund 500.000 neuen Krebserkrankungen aus. Auch wenn die Entstehungsursachen vieler Krebsarten noch nicht vollständig geklärt sind, gehen Fachleute davon aus, dass etwa zwei Drittel aller Krebserkrankungen durch einen gesunden Lebensstil und die regelmäßige Teilnahme an den entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsmaßnahmen zu verhindern wären. Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache.

Diabetes Typ 2 – Altersdiabetes wird immer jünger
Über sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Diabetes. Etwa 90 Prozent davon unter einem Typ 2 Diabetes, der auch gerne Altersdiabetes genannt wird, denn mit dem Alter kann die Insulinwirkung nachlassen. Zunehmend betroffen sind mittlerweile auch Kinder und Jugendliche. Zu den Risikofaktoren für die Entstehung eines Diabetes Typ 2 gehören Übergewicht, Bewegungsmangel sowie das bereits erwähnte metabolische Syndrom. Wie sehr der Lebensstil die Erkrankung beeinflusst, zeigt sich daran, dass bei einer entsprechenden Lebensstiländerung oft auf Medikamente verzichtet werden: Mit einer angepassten Ernährung und mehr Bewegung sinkt der Blutzuckerspiegel deutlich. Ein gut eingestellter Blutzuckerspiegel muss jedem Diabetiker erstrebenswert sein. Denn die Folgeerkrankungen durch erhöhten Blutzucker sind unerfreulich. Diabetes Typ 2 in Kombination mit Bluthochdruck steigert das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, es kommt zu Nieren-, Nerven- und Augenschäden. Die häufigsten Todesursachen bei Diabetikern sind Herzinfarkt und Nierenversagen.

Rheuma, Arthrose, Gicht – meistens trifft es die Gelenke
Rheuma ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern und sehr unterschiedlichen Erkrankungen die dem sogenannten rheumatischen Formenkreis zugeordnet werden. Unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen leiden etwa 1,5 Millionen Erwachsene und etwa 15.000 Kinder. Rheuma keine Krankheit, die nur ältere Menschen betrifft, auch wenn sie bei älteren Menschen öfter auftritt. Am häufigsten ist die Rheumatoide Arthritis (RA), entzündliches Gelenkrheuma, das im höheren Alter häufiger ist. Frauen sind davon etwa dreimal öfter betroffen als Männer. Abgesehen von einer genetischen Veranlagung zählen auch hier Übergewicht und Rauchen zu den Risikofaktoren. Arthrose ist die häufigste Form der Gelenkerkrankung in Deutschland und ebenfalls keine Erkrankung, die ausschließlich ältere Menschen betrifft. Fehlbelastungen, Unfälle und Übergewicht können schon in jüngeren Jahren dem Gelenkknorpel so zusetzen, dass er verschleißt. Bislang gibt es bei Gelenkverschleiß keine Heilung. Aber: auch hier können eine fettarme Ernährung und ausreichend Bewegung eine wichtige Prophylaxe sein. Gicht betrifft ebenfalls die Gelenke. Durch eine Störung des Purinstoffwechsels erhöht sich der Harnsäuregehalt im Blut. Diese wird nicht mehr durch die Nieren ausgeschieden, sondern ihre Kristalle lagern sich im Körper ab. In den Gelenken führt das zu Reibung, Entzündung und Schmerzen. Gicht betrifft häufiger Männer als Frauen. Und auch hier spielt wieder die Ernährung eine große Rolle, denn eine purinarme Diät (weniger tierische Produkte, wenig Zucker, fettarme Kost und kein Alkohol) kann die Beschwerden lindern. In Deutschland sind vermutlich 8,5 Millionen Menschen von Arthrose betroffen, und nach Schätzungen der Gicht-Liga e.V. leiden in den Industrieländern 2,8 Prozent der Männer und 0,4 Prozent der Frauen zwischen 30 und 59 Jahren an Gicht.

Allergien übereifriges Immunsystem
Allergien nehmen zu. Bei Allergikern richtet das Immunsystem seine Attacken gegen eigentlich harmlose Stoffe. Man kann gegen so ziemlich alles allergisch sein: Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben, Lebensmittel, gegen Duftstoffe, Konservierungsmittel, Wolle, Insektengift etc. etc. Und ebenso unterschiedlich sind auch die Symptome. Bei Allergenen, die sich in der Luft befinden, reagieren Augen, Nase, die oberen Atemwege oder auch die Haut. Sie ist ebenfalls betroffen, wenn das Immunsystem bestimmte Inhaltsstoffe beispielsweise in Kosmetika oder Waschmitteln nicht toleriert und dann beispielsweise mit einer Nesselsucht reagiert. Allergene Lebensmittel oder ihre Bestandteile setzen eher dem Magen-Darm-Trakt zu. Aber es kommt auch vor, dass Menschen mit einer Erdnuss-Allergie mit Schwellungen des gesamten Körpers und Atemnot in der Notaufnahme des Krankenhauses landen. Laut ECARF (Europäische Stiftung für Allergieforschung) sind etwa 13 Millionen Deutsche Allergiker. Die meisten von ihnen reagieren auf Pollen. Rund 30 Prozent der Pollenallergiker bilden im Laufe ihres Lebens allergisches Asthma aus. Manche bekommen auch Neurodermitis, die aber eigentlich nicht zu den Allergien gehört.

Karies – aus Weiß mach Braun
Eigentlich müsste Karies am Anfang dieses Textes stehen. Denn keine andere Erkrankung ist in Deutschland so weit verbreitet wie die Zahnfäule. 99 Prozent aller Erwachsenen sind davon betroffen. Schon Babys werden mit den Bakterien infiziert, wenn Mama beim Füttern den Löffel nicht nur in den Kindermund, sondern zwischendurch auch mal in den eigenen schiebt. Setzen sich die Kariesbakterien erst mal im Mundraum fest, dann bilden sie fortan aus Kohlenhydraten und Zucker organische Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Auch hier kommt wieder die Ernährung ins Spiel. Denn in den meisten Lebensmitteln insbesondere denjenigen, die unsere Kinder essen, steckt viel zu viel Zucker. Für gesunde Zähne und Zahnfleisch wäre aber eine möglichst zuckerarme Ernährung empfehlenswert. Deshalb ist der beste Schutz vor der gefürchteten Zahnfäule: Pflege! Das heißt, Zahnpflege ab dem ersten Zahn, mindestens zweimal täglich Zähne putzen, Zahnseide und Interdentalbürstchen für die Zahnzwischenräume verwenden und mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt und zur professionellen Zahnreinigung gehen. Dann lächelt man im Alter noch mit den eigenen Zähnen.

 

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