Krankheit und Tabu

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Erkältet, Hexenschuss oder Arm gebrochen? Dann gibt es bedauerndes Mitgefühl von allen Seiten. Depressionen? Betretenes Schweigen. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die sich, anders als die Grippewelle, nicht für den Small Talk eignen. Sie werden überhaupt nicht thematisiert, oft ganz bewusst verschwiegen oder abgestritten. Betroffene manövrieren sich damit unter Umständen in eine Sackgasse. Denn es ist schwierig, Hilfe zu finden, wenn Dinge nicht angesprochen werden. Nicht nur die eigene Hemmschwelle steht ihnen im Weg. Auch Ärzte haben oft Schwierigkeiten, brenzlige Themen anzusprechen.

Zu den tabuisierten Erkrankungen gehören alle, die den Betroffenen peinlich sind – weil sie sich stigmatisiert fühlen, weil sie sich eigenen oder fremden Anforderungen nicht gewachsen sehen, weil die Probleme sich im Intimbereich abspielen oder weil sie mit ihrer Krankheit aus der gesellschaftlichen Norm fallen …
Dazu gehören beispielsweise sexuell übertragbare Erkrankungen oder Potenzprobleme. Ebenso ist ein Befall mit Würmern oder Filzläusen nichts, worüber man spricht, genauso wenig wie Inkontinenz, Blähungen oder Fußpilz. Psychische Erkrankungen werden ebenfalls unter den Teppich gekehrt. Erst wenn der Leidensdruck so hoch wird, dass kein Weg mehr am Arzt vorbeiführt, wird die Peinlichkeit zwangsläufig überwunden. Doch je länger die Therapie hinausgezögert wird, umso schwieriger und langwieriger gestaltet sie sich oft. Es wäre deshalb sinnvoll, schon bei den ersten Anzeichen des Problems Rat zu suchen.

Seelische Qualen? Kein Thema!
Versagensängste, Niedergeschlagenheit, Selbstzweifel, Antriebslosigkeit – Menschen, die an einer Depression erkranken, erscheint die Welt grau und freudlos. Viele Betroffene sind nicht mehr in der Lage, eine Arbeit auszuüben oder ein soziales Leben führen. Aber da man ihnen ihre seelischen Nöte nicht ansieht, werden sie häufig nicht ernstgenommen. „Reiß dich mal zusammen“, „Stell dich doch nicht so an“, das bekommen Betroffene zu hören. Oft glauben sie selbst, dass sie einfach nicht stark genug sind, was ihre Selbstzweifel und Versagensängste noch zu-
sätzlich befeuert. Oder dass diese Schwächephase bald vorbei ist. Aber so einfach ist das nicht. Eine schwere Depression verschwindet nicht von selbst oder mit genug Willenskraft, sie muss behandelt werden.

Frauen sind doppelt so oft von Depressionen betroffen wie Männer. Aber möglicherweise wird eine Depression bei Männern einfach nur seltener diagnostiziert. Ein Indiz dafür ist, dass Männer sich häufiger selbst töten als Frauen und dass Männer insgesamt seltener zum Arzt gehen. Mit Symptomen einer Depression schon gar nicht, denn die gelten erstens in unserer Leistungsgesellschaft als Zeichen von Schwäche. Zweitens äußert sich die männliche Depression anders, nämlich eher durch aggressives und exzessives Verhalten, etwa übermäßigen Alkoholkonsum. Nicht selten wird bei Männern ein Burn-out festgestellt. Er gilt als Erkrankung unserer Zeit und ist eine Form der Depression. Zwar kann nur ausbrennen, wer vorher gebrannt hat, wie es so schön heißt. Dennoch wird das Burn-out auch als Versagen empfunden.

Depressionen lassen sich auf innere und äußere Faktoren zurückführen. Die Neigung dazu kann genetisch bedingt sein oder beispielsweise durch Dauerstress oder emotionale Überlastung entstehen. Laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkrankt jeder fünfte Bundesbürger einmal im Leben an einer Depression. 10.000 Selbstmorde und 150.000 Selbsttötungsversuche im Jahr weisen auf einen hohen Leidensdruck hin.
Wenn die Seele leidet, wirkt sich das nachteilig auf den gesamten Körper aus, etwa auf das Herz, auf das Schmerz- empfinden oder auf einen Diabetes. Da eine Depression gut behandelt werden kann, sollte man rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen.

Wenn die Hormone nicht mehr mitspielen
Lange Zeit waren die Wechseljahre der Frau kein Thema und alle damit verbundenen Probleme tabu. Das hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren stark verändert. Dennoch gibt es Beschwerden, die noch immer nicht angesprochen werden. Leider, muss man sagen, denn sie schränken die Lebensqualität ein. Scheidentrockenheit beispielsweise. Sie führt zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Juckreiz, Trockenheitsgefühlen, Brennen und kann in jedem Alter auftreten. Schätzungsweise jede fünfte Frau ist davon betroffen, ab dem 45. Lebensjahr sogar fast jede zweite. Bei Frauen in der Lebensmitte wirken sich die Veränderungen des Hormonhaushalts auf die Scheidenschleimhaut aus. Sie wird durch den sinkenden Östrogenspiegel in den Wechseljahren dünner und trockener. Das müssen Frauen nicht ertragen. Lokale Hormongaben oder – falls eine hormonelle Behandlung nicht infrage kommt – feuchtigkeitsspendende Cremes oder Gele können die gereizte Schleimhaut beruhigen, befeuchten und regenerieren. Vorrausetzung: Das Problem muss thematisiert werden, entweder beim Arzt oder in der Apotheke.

Nicht nur bei Frauen verändert sich der Hormonhaushalt. Mitte bis Ende 40 kommen Männer in die „Andropause“. Ihr Testosteronspiegel sinkt. Damit kann das große Männer-Tabuthema verbunden sein – Abnahme der sexuellen Lust und damit einhergehende Erektionsstörungen. Ebenso wie Frauen können auch Männer in diesem Alter ihren Hormonspiegel überprüfen lassen und gegebenenfalls den Hormonmangel künstlich anheben. Solange Erektionsstörungen nur vorrübergehend sind, ist keine Behandlung erforderlich. Von einer erektilen Dysfunktion (ED) ist erst dann die Rede, wenn über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten über 70 Prozent aller Versuche, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, fehlschlagen. Sei es, weil der Penis sich nicht ausreichend versteift, sei es, weil die Erektion nicht lange genug aufrechterhalten werden kann. Betroffen sind schätzungsweise 60 Prozent aller Männer über 65, häufig in Verbindung mit einer anderen Gesundheitsstörung. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Männer das Thema auf den Tisch bringen, denn eine ED kann beispielsweise ein Hinweis auf einen bislang noch nicht erkannten Diabetes sein.

Beim Sex werden nicht nur Küsse ausgetauscht
Sexuell übertragbare Infektionen (STI=Sexual Transmitted Infections) schlummern ebenfalls in der Tabuzone. Auch wenn viele bei dem Begriff sofort an HIV und AIDS denken, gibt es zahlreiche andere Krankheiten, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Die meisten sind mit Medikamenten gut heilbar. Und gerade bei STIs ist darüber zu sprechen der erste und wichtigste Schritt der Therapie. Und zwar schon bei den ersten kleinen Anzeichen. Manche Infektionen verlaufen nämlich ohne deutliche Symptome, können aber die Gesundheit beeinträchtigen, wenn sie nicht frühzeitig und konsequent behandelt werden. Werden sie chronisch, können sie bei Männern die Fruchtbarkeit einschränken und bei Frauen zu Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt führen. STIs werden durch Bakterien, Viren, Pilze oder Einzeller verursacht. Erkrankungen wie Syphilis, HIV- und Hepatitis-B-Infektionen sind meldepflichtig. Zu den Symptomen, die auf eine STI hinweisen, gehören Ausfluss aus der Scheide oder der Harnröhre, Juckreiz, Brennen beim Wasserlassen oder beim Geschlechtsverkehr, Hautveränderungen wie Rötungen, Knötchen, Bläschen oder Warzen, Menstruationsbeschwerden bei Frauen. Es können aber auch grippeartige Beschwerden auftreten, Abgespanntheit, Müdigkeit oder Fieber. Es ist wichtig, bei diesen Beschwerden frühzeitig den Arzt aufzusuchen – um sich selbst und andere zu schützen.

Wenn die Blase nicht mehr dicht ist
Inkontinenz ist ein Problem, von dem oft nicht einmal der Arzt erfährt. Dabei sind sich die Experten einig: Je früher ein gezieltes Beckenbodentraining begonnen wird, umso länger lässt sich das Problem hinauszögern. Die Gründe für eine Inkontinenz sind vielfältig, sie reichen von organischen Veränderungen, Auswirkungen operativer Eingriffe über neurologische Probleme bis hin zu Nachwirkungen einer Geburt. Hauptsächlich sind aber ältere Menschen betroffen. Frauen über 50 leiden am häufigsten unter Stressinkontinenz, weil ihr Beckenboden durch Schwangerschaften stärker beansprucht wird. Sie verlieren dann beim Niesen, Husten oder Lachen unwillkürlich Urin. Männer sind häufiger drang- inkontinent, sie haben das Gefühl, ständig zu Toilette zu müssen. Betroffene sollten mit ihrem Arzt sprechen. Denn es gibt – je nach Art der Inkontinenz – eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten. Sie reichen von Gewichtsreduktion über Physiotherapie, Beckenbodentraining, Medikamenten und Hilfsmitteln bis hin zu operativen Eingriffen.

Schmerzhafte Sitzungen
Über Hämorrhoiden denkt man nicht nach – solange sie sich nicht schmerzhaft bemerkbar machen. Und das tun sie bei über 70 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Leben. Dann verändern sich die ringförmigen Gefäße am After, es kommt zu kleinen Knötchen, die sich nach außen stülpen, und zu Schmerzen. Ballaststoffarme Ernährung, zu wenig Flüssigkeitszufuhr und damit verbundene Verstopfung, die zu starkem Pressen beim Stuhlgang führt, gehören zu den Auslösern. Auch Veranlagung spielt eine Rolle. Erste Anzeichen, dass die Gefäße unter Druck geraten, sind Juckreiz, Brennen und Nässen im Afterbereich, später findet sich oft Blut auf dem Stuhl oder Toilettenpapier. Treten Hämorrhoiden auf, können sie im Anfangsstadium mit Salben, Zäpfchen oder Sitzbädern ambulant behandelt werden. Reicht das nicht aus, können Hämorrhoiden mit verschiedenen, operativen Methoden verödet werden. Eine gesunde, ballaststoffreiche Ernährung, genügend Trinken und viel Bewegung sind eine wichtige Prophylaxe. Lange Sitzungen auf der Toilette – beispielsweise mit der Zeitung – und zu starkes Drücken sollten vermieden werden.

Fiese Viecher
Vorrangig beim Sex – aber nicht nur – werden auch Filzläuse übertragen. Die kleinen Insekten kleben ihre Eier (Nissen) an Haare im Schambereich, am Anus, den Oberschenkeln und manchmal auch an Achselhaare. Aus den Nissen entwickelt sich dann die nächste Läuse-Generation. Leichter Juckreiz, winzige Knötchen an den Haaren und rötliche Flecken in der Wäsche (Kot der Läuse) weisen auf einen Befall hin. Die Beseitigung der Lästlinge braucht Zeit und Geduld. Treten Filzläuse auf, muss nicht nur der Betroffene, sondern auch der Partner mit therapiert werden. Nach 8 bis 10 Tagen wird die Behandlung wiederholt. Solange mit einem Befall zu rechnen ist, sollten Bettwäsche, Schlafanzüge, Unterwäsche und Kleidung täglich gewechselt und bei 60 bis 90 Grad gewaschen werden.

Starker Juckreiz in der Nacht und juckende, rötliche Pusteln – oft in einer Linie – weisen auf einen Befall mit Krätzmilben hin. Sie bevorzugen warme Körperregionen mit dünner Haut, können aber an sämtlichen anderen Körperregionen auftreten. Auch hier müssen der Betroffene, sein Partner sowie alle anderen Haushaltsmitglieder behandelt werden. Wie bei Filzläusen sollten Bettwäsche, Kleidung täglich gewechselt und gewaschen werden.

Kleine Kinder fangen sich oft Kopfläuse ein, weil sie gerne beim Spielen die Köpfe zusammenstecken. Läuse sind weder ein Grund, sich zu schämen, noch zur Panik. Sie lassen sich gut behandeln, ihre Bekämpfung verlangt nur etwas Disziplin und konsequentes Vorgehen. Zunächst werden die Haare mit einem Lausmittel behandelt, dann mit einem speziellen Läusekamm ausgekämmt. Dabei werden aber nur die bereits geschlüpften Läuse beseitigt. Deshalb muss das Kopflausmittel nach etwa acht bis zehn Tagen erneut zum Einsatz kommen. Über einen Zeitraum von 14 Tagen sollten die Haare regelmäßig mit dem Läusekamm durchgekämmt werden. Bei konsequenter Durchführung streng nach Gebrauchsanweisung des Lausmittels sollten die Läuse dann verschwunden sein.

Das Feucht-Biotop im Schuh
In der feuchten Wärme der Schuhe breiten sich Pilze gerne auf Haut und Nägeln aus. Niemand wird gerne über seine „Untermieter“ sprechen, obwohl Fußpilz zu den häufigsten Infektionserkrankungen gehört. Etwa ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland leidet an Fußpilz. Unangenehmer Juckreiz zwischen den Zehen weist auf eine Infektion hin. Die lauert überall dort, wo man barfüßig potentielles Pilzgebiet betritt – in Saunen, Schwimmbädern, Teppichböden von Hotelzimmern, Umkleidekabinen.
Kleine Verletzungen am Fuß ermöglichen dort herumliegenden Pilzsporen das Eindringen in die Haut. Besonders lästig wird es, wenn der Fußpilz im geschützten Milieu von Strumpf und Schuh auf den Nagel übergeht. Dort ist er besonders hartnäckig und bringt – unbehandelt – die gesamte Nagelplatte zum Bröseln. Wer Juckreiz an den Füßen spürt oder Verfärbungen an den Fußnägeln feststellt, sollte sich schnellstens mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen. Je früher man handelt, umso schneller ist man den Pilz wieder los.

Mir stinkt’s
Gerüche sind ein ganz heikles Thema. Der Kollege, dessen Hemd morgens schon müffelt, Menschen, die ihre Schuhe ausziehen und es lieber lassen sollten, oder die Kollegin, deren Mundgeruch einem den Atem verschlägt … Es ist ganz schwer, das Thema anzusprechen. Trotzdem sollte man es, mit dem nötigen Feingefühl, tun. Nicht jeder ist beleidigt, wenn ein peinliches Thema angesprochen wird. Oft sind die Betroffenen sogar dankbar. Nur wer das Problem kennt, kann etwas dagegen unternehmen.

An einer tabuisierten Erkrankung zu leiden lässt Betroffene einsam und alleine zurück. Es liegt an uns, mit diesen Tabus endlich zu brechen.

 

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