Misophonie: Wenn alltägliche …

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Misophonie: Wenn alltägliche Geräusche zur Belastung werden

Unsere Sinne sind das Tor zur Welt. Sie ermöglichen, dass wir uns im Alltag orientieren, agieren und reagieren. Evolutionär betrachtet waren und sind sie eine echte Lebensversicherung. Doch Sinneseindrücke können auch zur Belastung werden: Misophonie nennt sich ein Krankheitsbild, bei dem alltägliche Geräusche Betroffene zur Weißglut treiben können.

 

Alle Geräusche, die wir mithilfe unserer Ohren wahrnehmen, durchlaufen in unserem Gehirn einen Filter. Dieser Filter trennt Uninteressantes und Interessantes, Bekanntes und Unbekanntes, Harmloses und potenziell Bedrohliches. Diese Einordnung entscheidet darüber, ob ein bestimmtes Geräusch im alltäglichen Hintergrundrauschen untergeht oder ob es auf der Oberfläche unseres Bewusstseins „schwimmt“, sozusagen zur weiteren Einordnung und Bearbeitung.

 

Bei der Misophonie sind diese Filter anscheinend gestört. Zwar können Menschen ohne Misophonie natürlich auch von „normalen“ Geräuschen, wie beispielsweise Tellerklappern, Fingertrommeln auf dem Tisch oder Schmatzgeräuschen, genervt sein. Doch Menschen, die an einer Misophonie leiden, haben keinerlei Möglichkeit, diese Störgeräusche zu ignorieren und aus dem akustischen Panorama auszublenden. Sie leiden sozusagen an einer „Geräuschintoleranz“, wodurch die üblichen emotionalen Kontrollmechanismen versagen und sie schließlich aggressiv werden. Dabei geht es nicht etwa nur um sehr laute Geräusche oder solche, die gemeinhin als unangenehm empfunden werden. Das Spektrum kann je nach Individuum sehr breit oder auch sehr eng gefächert sein.

 

Bislang wurden Betroffene kaum ernst genommen. Man vermutete rein psychische Ursachen, zum Beispiel eine Phobie, eine Zwangsstörung oder PTBS. An der Universität Newcastle in England wurde nun kürzlich eine Studie an 20 Personen durchgeführt, die an Misophonie leiden. Eine funktionelle Kernspintomografie (fMRT) brachte dabei neue Erkenntnisse: So aktivierten vorgespielte „Störgeräusche“ bei den Probanden ein Hirnareal, das für die Verknüpfung von Sinneseindrücken und Emotionen zuständig ist. Außerdem werden diese Informationen dort auch mit körpereigenen Informationen wie der Herzfrequenz abgeglichen. Bei den Probanden schien jedoch nicht nur diese Rückkopplung beeinträchtigt zu sein, sondern auch eine starke Interaktion mit Hirnarealen vorzuliegen, die für die Gefühlsverarbeitung und das Gedächtnis zuständig sind. Außerdem gab es Anzeichen für eine mögliche dauerhafte Schädigung des Gehirns. Wodurch eine solche pathophysiologische Veränderung verursacht sein könnte, blieb bislang ungeklärt. Allerdings könnten diese und weitere Forschungsergebnisse dazu führen, dass die Misophonie als Krankheitsbild in Zukunft ernst genommen wird.

 

 

 

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