Wieder aufatmen bei COPD!

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Wieder aufatmen bei COPD!

Wie neuartige Lungenventile Hans-Jürgen Treppschuh wieder neue Lebenskraft verliehen

 

Hans-Jürgen Treppschuh war immer ein aktiver, lebenslustiger Mensch. Doch vor einigen Jahren fiel ihm das Atmen immer schwerer. Einfachste Tätigkeiten strengten ihn mehr und mehr an, er bekam Luftnot, musste öfter Pausen machen. 2010 diagnostizierte sein Lungenarzt bei ihm die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, kurz COPD. Dabei verengen sich die Atemwege in Folge eines andauernden Entzündungsprozesses in der Lunge. Das Gewebe vernarbt und funktioniert immer schlechter. Treppschuh konnte die Luft in den Lungen nur noch schlecht abatmen, wodurch ihm wiederum das Einatmen schwerfällt. Zusätzlich kommt es zu Folgeerkrankungen wie Muskelschwund, Blutarmut, Herzerkrankungen, Depression und Gewichtsverlust.

 

In Deutschland sind laut Lungeninformationsdienst 6,8 Millionen Menschen von dieser nicht heilbaren Krankheit betroffen. Die richtige Therapie kann das Fortschreiten der Erkrankung jedoch verlangsamen. Bei vielen COPD-Patienten ist der Auslöser der Erkrankung das Rauchen. Bei Treppschuh kann es auch eine Folge seines Berufs sein, er war 32 Jahre als Schweißer beschäftigt. Sofort nach der Diagnose gab er das Rauchen auf: „Das fiel mir auch sehr leicht. Ich sagte mir ‚Jetzt ist Schluss, ich will leben‘ und dann hab ich einfach aufgehört.“ Seitdem trinkt er auch keinen Alkohol mehr. „Als ich meinen ersten Erstickungsanfall hatte, machte es einfach ‚Klick‘.“

 

Beim sogenannten Lungenemphysem, einer schweren Form der COPD, führen Lufteinschlüsse in den Lungenbläschen zu einer Ausdehnung der erkrankten Lungenregion, die verbrauchte Luft kann nicht mehr vollständig aus den Bereichen entweichen. Diese Überblähung bewirkt, dass auch die gesünderen Lungenbereiche nicht mehr richtig arbeiten können. Es kommt zu starker Kurzatmigkeit und Atemnot. Daher sind COPD-Patienten mit Lungenemphysem in ihrem Alltag stark eingeschränkt. Spazierengehen, Einkaufen oder das Spielen mit den Kindern oder den Enkeln, wird zur Herausforderung und kann zu extremer Erschöpfung führen.

 

„Ich merkte, dass mir viele Dinge nicht mehr so leicht fielen, ich machte viel schneller schlapp“, beschreibt Treppschuh die erste Zeit mit der Erkrankung. Zur Therapie der COPD verschreiben Ärzte Sprays, welche die Atemwege erweitern. Sie lindern die Symptome. Auch Treppschuh erhielt diese Medikamente. Zusätzlich bekam er ein Sauerstoffgerät. „Wenn es sehr warm, feucht oder sehr kalt ist, habe ich mehr Probleme beim Atmen.“

 

 Zwei Jahre nach der ersten Diagnose erlitt Treppschuh die erste Exazerbation – einen akuten Verschlechterungsanfall. Auf dem Weg zum Arzt, zusammen mit seiner Frau, blieb ihm auf einmal die Luft weg. „Ich hatte plötzlich das Gefühl, zu ersticken. Ich glaube, das ist das Schlimmste was es gibt: Wenn der Mensch keine Luft bekommt.“ Geistesgegenwärtig rief seine Frau den Krankenwagen. 

 

Die Krankheit schritt weiter voran, die ständige Luftnot schränkte Treppschuhs Alltag immer stärker ein. Das Heben von Gegenständen fiel ihm immer schwerer. Früher ging er mit seiner Frau gerne spazieren, nach der Diagnose konnte er nur noch langsam gehen. Beim Treppensteigen musste er immer wieder anhalten um wieder zu Atem zu kommen. Auch die Medikamente linderten seine Symptome kaum noch.

 

 

Treppschuh fand in seiner Familie eine große Stütze. Seine Frau und Söhne brachten viel Verständnis dafür auf, dass ihn die Erkrankung stark einschränkte und unterstützen ihn, wo es ging. Umso mehr Hoffnungen legte er in die Ventiltherapie. „Als ich meine zweite Exazerbation hatte, empfahl mir der Oberarzt damals, ich könnte doch Endobronchialventile probieren“, berichtet Treppschuh. Mit kleinen Einwegventilen, die in die Lunge gesetzt werden, können die überblähten Bereiche der Lunge „entlüftet“ werden. Sie nehmen so weniger Platz im Brustkorb ein und die restliche Lunge kann wieder besser funktionieren. „Er hat mir das in aller Ruhe erklärt.“ Die Ventile lassen die Luft aus dem erkrankten Teil der Lunge raus, aber nicht wieder hinein. Der überblähte Lungenbereich wird kleiner und die gesünderen Lungenbereiche können wieder besser arbeiten. „Ich fand die Idee gut und wir haben es ausprobiert.“ Für die Ventiltherapie sind jedoch nicht alle Patienten geeignet.

 

„Verschiedene Patienten können die Ventile nicht erhalten“ erklärt Dr. Eisenmann. „Es bedarf bestimmter anatomischer Voraussetzungen, die Funktionsfähigkeit muss in den verschiedenen Lungenbereichen unterschiedlich eingeschränkt sein. Chronische Infektionen mit Bakterien, erkennbar an erheblichem Schleimvorkommen, schließen eine Ventilbehandlung häufig aus. Manchmal haben Patienten auch angeborene Veränderungen der Atemwege, bei denen wir die Lungenventile nicht einsetzen können. Außerdem kommen die Ventile immer erst dann zum Einsatz, wenn andere Therapien keine erkennbare Verbesserung mehr zeigen und die Funktionsfähigkeit schon weit fortgeschritten verschlechtert ist.“

 

Dr. Stephan Eisenmann ist Leiter des Schwerpunkts Pneumologie am Universitätsklinikum Halle (Saale) und Treppschuhs betreuender Arzt. In seiner Zeit als Oberarzt am Universitätsklinikum Essen hatte er das endoskopische Verfahren erlernt und diese Erfahrungen im Jahr 2017 mit an das Universitätsklinikum Halle gebracht.

 

„Um die Funktionsfähigkeit der Lunge zu prüfen, wenden wir unterschiedliche, bildgebende Verfahren an. Zusätzlich machen wir eine Lungenspiegelung, um die Atemwege zu beurteilen und den Atemfluss der Lunge zu messen“, erklärt Dr. Eisenmann. „Die Ventile helfen nur dann, wenn es keinen Luftaustausch zwischen den unterschiedlichen Lungenlappen gibt. Wir wollen ja einen Lungenbereich entlüften, daher darf er von anderen Bereichen nicht wieder belüftet werden.“ Die Ergebnisse werden ausgewertet – auch unter Zuhilfenahme externer Kooperationspartner – und die optimalen Stellen für den Einsatz der Ventile gesucht. „Die gesamte Voruntersuchung dauert für den Patienten etwa zwei Tage“, berichtet Dr. Eisenmann weiter. „Diese verbringt er bei uns auf der Station. Die Analyse dauert dann nochmal 3-4 Tage, in dieser Zeit ist der Patient schon wieder zu Hause.“ Die Ventil-Therapie wird sowohl von internationalen als auch nationalen COPD-Behandlungsleitlinien empfohlen, unter der Voraussetzung, dass die herkömmlichen Behandlungsoptionen, wie Medikamente und Rehabilitation, ausgeschöpft wurden und Patienten die Kriterien für die Implantation erfüllen.

 

2013 erhielt Treppschuh zum ersten Mal Ventile. Doch zunächst zeigte sich keine Verbesserung. „Die Ventile saßen damals nicht richtig“, erklärt Dr. Eisenmann. „Der Einsatz der Ventile war zu diesem Zeitpunkt noch sehr neu. Aber das Gute ist ja, dass wir nach erneuter Analyse die Ventile wieder neu einsetzen konnten. Und das haben wir dann gemacht.“ Diesmal erholte sich Treppschuh spürbar schnell: „Direkt nach dem Eingriff fühlte ich eine Verbesserung. Wir haben eine Treppe im Haus, mit 18 Stufen. Früher musste ich vier- bis fünfmal anhalten, wenn ich die Treppe hochging. Jetzt sind es nur noch dreimal. Für mich ist das ein großer Erfolg! Ich muss auch nicht mehr um Luft ringen. Dennoch: Von der Krankenkasse habe ich einen Rollstuhl, ein tragbares Sauerstoffgerät und viele weitere Hilfsmittel. Ohne diese Gegenstände wäre der Alltag nicht zu bewältigen.“ Auch seine klinischen Werte haben sich verbessert. Dr. Eisenmann: „Die Lungenüberblähung ist deutlich zurückgegangen. Auch die Atmung von Herrn Treppschuh ist viel kräftiger geworden und seine Lungenfunktion hat sich stabilisiert. Und eine nochmalige Verschlechterung ist bisher nicht eingetreten.“ Ein großes Problem bei vielen COPD-Patienten ist auch das Gewicht. Das Lungenemphysem fordert viel Energie, und durch die Luftnot bleibt den Patienten nicht die erforderliche Ruhe und Kraft, ausreichend zu essen. Das war auch bei Treppschuh der Fall. Vor der Therapie wog er nur noch 48 kg. „Jetzt habe ich wieder auf 63 kg zugenommen.“ Treppschuh ist sich sicher: „Ohne die Ventile wäre ich wahrscheinlich schon tot!“ 

 

Dr. Eisenmann unterhält am Universitätsklinikum Halle eine spezielle, ambulante Sprechstunde für COPD-Patienten. „Meistens kommen die Patienten mit einer Überweisung vom Lungenfacharzt, aber man kann sich auch einfach für eine Zweitmeinung vorstellen. Dann schauen wir, was für den Patienten die beste weitere Therapie ist.“ Die Ergebnisse der Voruntersuchungen werden einem ganzen Ärzte-Team vorgestellt, welches über die Behandlung der Patienten berät. „Zusammen überlegen wir, was für den Patienten die beste Option wäre. Manche Patienten profitieren vielleicht mehr von einer Operation, bei anderen sind andere Therapiemöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Wir beleuchten da immer das Für und Wider.“ Entscheidet sich das Team für die Ventile, werden diese in einem 60-minütigen Eingriff endoskopisch, also ohne Operation, in die Lunge eingesetzt. Der Patient wird hierfür stationär aufgenommen und bleibt dann noch 3-4 Tage zur Beobachtung in der Klinik. „Ich hatte da von Anfang an ein gutes Vertrauensverhältnis und fühlte mich gut betreut“, sagte Treppschuh. „Andere COPD-Patienten sollten einfach ihren Arzt auf die Therapie ansprechen.“

 

„Auch andere Verfahren der Volumenreduktion sind möglich und werden bei uns angewandt, werden aber erst geprüft, wenn die Ventile nicht in Frage kommen. Wenn diagnostisch nichts dagegenspricht, gibt es zu den Ventilen eigentlich keine Alternative“, sagt Dr. Eisenmann.

 

„Das Alltagsbefinden bessert sich bei vielen Patienten und sie können wieder aktiver am Familien- und Sozialleben teilnehmen. Wichtig ist aber, dass die übrige Behandlung der COPD unverändert fortgesetzt werden muss.“

 

So sieht es auch Treppschuh: „Ich kann wieder mit meiner Frau rausgehen und bin auch sozial viel aktiver, das hat mir vor den Ventilen sehr gefehlt. Ich bin sehr dankbar für all die Hilfe die ich bekomme. Meine Frau ist immer für mich da und meine ganze Familie unterstützt mich. So komme ich gut zurecht.“

 

 

 

 

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