Frauengesundheit

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Der „Kleine Unterschied“ ist doch größer

Beim Stichwort „Frauengesundheit“ denkt man zunächst an Schwangerschaft, Geburt und Wechseljahre. Doch Frauen und Männer unterscheiden sich in vielen weiteren Bereichen. Und reagieren auf allerlei Dinge höchst unterschiedlich – von A wie Alkohol bis Z wie Zolpidem-Schlafmittel.

 

Die Frauenheilkunde – griechisch: Gynäkologie – widmet sich der Frau vor allem als möglicher Mutter. Frauenärztinnen und -ärzte beschäftigen sich insbesondere mit den weiblichen Geschlechtsorganen, mit Menstruation, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft und natürlich auch mit den Wechseljahren.

 

Für alles Weitere sind Allgemein- und Fachmedizin zuständig, denn, so die weitläufige  Annahme, abgesehen von den Geschlechtsorganen gleichen sich die Körper von Frauen und Männern ja mehr oder weniger. Oder?

 

Nein, sagt unter anderem Sylvia Groth, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF, siehe www.arbeitskreis-frauengesundheit.de/) in Berlin. „Jede Körperzelle enthält unterschiedliche Informationen, je nachdem, ob es die Zelle einer Frau, eines Mannes oder einer Intersex-Person ist. Dieser fundamentale Unterschied blieb lange weitgehend unbeachtet.“ Weil sich die Geschlechter in ihrem gesamten Stoffwechsel und nicht nur in den Geschlechtszellen voneinander unterscheiden, haben die US-Gesundheitsbehörden im Jahr 2015 in ihrer Planung festgeschrieben, dass das Geschlecht in der biomedizinischen Forschung grundsätzlich berücksichtigt werden muss.

 

Ein inzwischen einigermaßen bekanntes Beispiel für  gesundheitliche Verschiedenheiten bei den Geschlechtern sind Herzinfarkte, deren „klassische“, also eher männliche, Alarmsymptome bei Frauen häufig fehlen. Denn  neben typischen Erkennungszeichen wie etwa Schmerzen im Brustraum, die in verschiedene Körperregionen ausstrahlen können, machen sich Herzinfarkte bei Frauen häufiger mit so genannten unspezifischen Symptomen  bemerkbar – zum Beispiel mit starker Kurzatmigkeit,  Übelkeit, Erbrechen oder auch mit Beschwerden im Oberbauch. Im Brustbereich spüren Frauen bei einem Herzinfarkt statt starker Schmerzen häufiger „nur“ ein Druck- oder Engegefühl, das aber mindestens genauso ernst genommen werden muss, wie die Deutsche Herzstiftung betont.

 

Bedeutende Unterschiede bestehen zwischen den  Geschlechtern auch beim Alter, in dem Herzinfarkte  typischerweise auftreten. So sind Frauen bis zu den Wechseljahren vergleichsweise gut vor diesem dramatischen Ereignis geschützt. Parallel zum Nachlassen der Hormonproduktion nimmt der Schutz jedoch ab, weshalb die koronare Herzkrankheit bei Frauen erst ab ca. 60 Jahren häufiger auftritt, während Männer oft schon viel früher betroffen sind. Bemerkenswert ist auch, dass Herz-Kreislauf-Medikamente bei Frauen 1,5- bis 1,7-mal häufiger unerwünschte Nebenwirkungen haben als bei Männern. Außerdem sind diese meist auch noch schwerwiegender als bei  Männern und führen öfter zur Einweisung ins Krankenhaus.

 

Fachleute wissen seit Langem, dass Frauen insgesamt mehr unerwünschte Wirkungen durch Medikamente erfahren als Männer. Erklärt wird das häufig mit dem Einfluss von Hormonen, Lebensstil und auch mit dem unterschiedichen Stoffwechsel, berichtet Sylvia Groth. Kürzlich  hätten aber mehrere Studien gezeigt, „dass weibliche Leberzellen auf manche Wirkstoffe empfindlicher reagierten als männliche.“ So hätten acht von den zehn verschreibungspflichtigen Medikamenten, die zwischen 1997 und 2000 wegen lebensbedrohlicher Folgen zwischen vom Markt genommen worden seien, bei Frauen mehr negative Wirkungen verursacht als bei Männern. „Aus diesem Grund hat das schwedische Karolinska Institut in Stockholm eine Datenbank entwickelt, die für eine Reihe von Medikamenten auch geschlechtsspezifische Informationen angibt.“ Auch das Deutsche Arzneimittelgesetz fordert, dass bei Medikamentenstudien die Wirkung der Mittel auf Frauen und Männer möglichst einzeln erfasst und ausgewiesen werden sollte.

 

Warum das so wichtig ist, zeigt sich unter anderem an  dem Arzneistoff Zolpidem, der als Inhaltsstoff bei einem der meistverkauften Schlafmittel eingesetzt wird. Frauen bauen den Wirkstoff deutlich langsamer ab als Männer. In einer von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zurate gezogenen Studie hatten 15 von 100 Frauen acht Stunden nach der Einnahme noch immer so viel von dem Wirkstoff  im Blut, dass ihre Reaktionen verlangsamt  waren – bei den Männern waren es nur 3. „Heute wissen wir, dass Frauen Schlafmittel mit Zolpidem langsamer  abbauen als Männer, und dass sie nur die halbe Dosis bekommen dürfen.“

 

Auch beim Alkohol haben Frauen biologisch ein niedrigeres Limit – sie werden schneller betrunken. Denn zum einen baut die weibliche Leber den Alkohol langsamer ab, weil sie von manchen Enzymen weniger hat. Zum anderen enthält der männliche Körper mehr Flüssigkeit als Frauen, deren Körper wiederum im Durchschnitt einen höheren Fettanteil hat. Alkohol verteilt sich aber nur auf die Flüssigkeit und nicht ins Fettgewebe, sodass die Alkoholkonzentration im Blut bei gleicher Trinkmenge bei Frauen höher ist. Deshalb haben sie auch ein höheres Risiko  für Leber-, Herz- und Gehirnschäden, wenn sie zu viel trinken.

 

Ein weiterer Bereich, in dem Frauen und Männer unterschiedliche Bedürfnisse haben, ist die Darmkrebsvorsorge. Erstmals hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hierzu vor zwei Jahren zwei verschiedene Früherkennungsempfehlungen für Frauen und für Männer herausgegeben. Denn es hat sich gezeigt: Betroffene Frauen erkranken im Durchschnitt ca. fünf Jahre später an Darmkrebs als Männer. Während Männer ab 50 regelmäßig zur Darmspiegelung gehen sollten, legt das IQWiG diese Untersuchung Frauen erst ab 55 nahe.

 

Große Unterschiede gibt es zudem in Sachen Rheuma: Von Rheumatoider Arthritis (RA) sind beispielsweise zwei- bis dreimal so viele Frauen betroffen wie Männer, bei Lupus erythematodes sind es sogar sechsmal so viele; und an Osteoporose erkranken im Durchschnitt doppelt so viele Frauen wie Männer.

 

 Aufgrund ihres schwächeren Bindegewebes und ihrer schwächeren Beckenbodenmuskulatur sind Frauen nicht zuletzt auch von Harninkontinenz viel häufiger betroffen als Männer. Von den Personen zwischen 20 und 75 Jahren, die darunter leiden, sind 80 Prozent Frauen und nur 10 Prozent Männer. Vor allem Frauen, die mehrere Kinder geboren haben, aber auch ältere Frauen, Frauen, die körperlich schwer arbeiten, und übergewichtige Frauen leiden häufig an eine so genannten Beckenbodeninsuffizienz. Beispiele gibt es also genug, die zeigen, wie wichtig es ist, in der medizinischen Forschung und entsprechend auch in der Behandlung Frauen und Männer nicht über einen Kamm zu scheren.

 

Die Frauengesundheitsforschung widmet sich eben diesen Unterschieden und setzt sich für einen aufmerksameren Blick auf die gesundheitlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein – in Vorsorge, Diagnose und Behandlung. So informiert das Frauengesundheitsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BfgA) unter www.frauengesundheitsportal.de über etliche wichtige Gesundheitsaspekte, auch mit Blick auf die unterschiedlichen Vorstellungen, die Frauen und Männer oft von Gesundheit und gesunder Lebensweise haben.

 

Das habe nicht nur körperliche, biologische und psychische Gründe: „Die Frauengesundheitsforschung zeigt, dass auch geschlechtsspezifische soziale Bedingungen, etwa unterschiedliche Lebenssituationen oder Lebensverläufe, eine Rolle spielen.“ Das bestätigt auch Sylvia Groth. Die Forschung, erklärt sie, unterscheidet zwischen einem biologischen Geschlecht (englisch „sex“) und einem sozialen Geschlecht (englisch „gender“).

 

Dass Frauen und Männer unterschiedlich erkranken, hat nicht nur biologische Ursachen wie die bereits genannten. Sondern es hat auch wichtige soziale Ursachen, das heißt Ursachen, die in den Lebensumständen der jeweiligen Menschen liegen und auch an den Erwartungen, die ihre Umwelt an sie stellt.

 

Solche Erwartungen können der Gesundheit auch schaden, etwa wenn das Ideal des schlanken Models bei jungen Mädchen die Magersucht fördert oder wenn „echte Kerle“ kein Risiko scheuen und keinen Schmerz kennen dürfen.

„Je mehr wir uns von solch festgefahrenen Vorstellungen befreien, desto besser ist das auch für die Gesundheit jeder und jedes Einzelnen.“ 

 

 

Frauen- und Männergesundheit in Zahlen*

(*Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BfgA)

 

Von rund 83 Millionen Menschen in Deutschland sind etwas mehr als die Hälfte (42 Millionen) Frauen. Ein Mädchen, das heute geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 83,2 Jahren, ein Junge von 78,3 Jahren.

 

Alleinlebende

In Deutschland leben 8,7 Millionen Frauen allein, viele von ihnen sind zwischen 65 und 85. Bei den Männern sind es nur 8 Millionen.

Von den 3,4 Millionen Menschen mit Anspruch auf Pflegeleistungen sind 64 Prozent Frauen.

 

Erwerbstätigkeit und Gesundheit

71,5 Prozent der Frauen zwischen 15 und 65 Jahren in Deutschland sind erwerbstätig, bei den Männern sind es 78,9 Prozent.

Früherkennungsuntersuchungen (Check-up)

Knapp die Hälfte (48,5 Prozent) der Frauen (Männer: 45,4 Prozent) in Deutschland nimmt regelmäßig den Gesundheit-Scheck-up zur Früherkennung von Herz-Kreislauferkrankungen, Nierenerkrankungen und des Diabetes mellitus in Anspruch.

 

Bewegung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen, mindestens 2,5 Stunden pro Woche zumindest mäßig anstrengenden Ausdauersport auszuüben oder an mindestens zwei Tagen in der Woche die Muskeln zu kräftigen.

42,6 Prozent der Frauen (Männer: 48 Prozent) in Deutschland berichten, mindestens 2,5 Stunden pro Woche einem Ausdauersport wie z. B. Radfahren oder Fußballspielen nachzugehen. 27,6 Prozent der Frauen (Männer: 31,2) trainieren an mindestens zwei Tagen in der Woche ihre Muskeln durch Yoga oder auch Krafttraining.

 

Übergewicht 

Fast die Hälfte (46,7 Prozent) der Frauen (Männer:  61,6 Prozent) ist übergewichtig (BMI ≥ 25 kg/m²).

 

Zigarettenkonsum

Insgesamt rauchen ca. 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Dabei rauchen weniger Frauen (26,1 Prozent) als Männer (31,2 Prozent).

 

Arzneimittelkonsum

Schätzungen gehen von 1,5 bis 1,9 Millionen medikamentenabhängigen Personen in Deutschland aus. Zwei Drittel der Arzneimittelabhängigen sind Frauen. 

Im Vergleich zu Männern werden Frauen in Deutschland insgesamt mehr Arzneimittel verordnet. Dies trifft insbesondere auf den Bereich der Psychopharmaka zu. Männer erhalten eher Mittel mit Wirkung auf körperliche Störungen, vor allem des Herz-Kreislauf-Systems

 

Psychische Erkrankungen

In Deutschland sagen fast doppelt so viele Frauen (13 Prozent) wie Männer (8 Prozent) aus, sich seelisch belastet zu fühlen.

 

Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einer Depression zu erkranken, ist bei Frauen mit 15,4 Prozent doppelt so hoch wie bei Männern (7,8 Prozent).

 

Krebs

Insgesamt erkranken in Deutschland etwas weniger Frauen als Männer an Krebs. Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen liegt für Frauen bei etwa 226.960 (Männer: 249.160). Die häufigste Krebserkrankung bei Frauen ist Brustkrebs.

 

 

 

 

 

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