Misophonie: Wenn Geräusche wütend machen

 

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Misophonie: Wenn Geräusche wütend machen

Es gibt Menschen, die gehen an die Decke, wenn sie bestimmte Geräusche hören. Dafür müssen diese Geräusche noch nicht einmal besonders laut sein. Für Nicht-Betroffene ist der Umgang mit einer solchen Misophonie schwierig, eine Behandlung leider häufig auch.

 

Es gibt Geräusche, die uns in den Wahnsinn treiben können, zum Beispiel das helle Summen einer Mücke, wenn wir uns gerade ins Bett gekuschelt haben. Oder das berüchtigte Nagelkratzen auf der Schultafel. Wie wir damit umgehen, ist ganz unterschiedlich. Vielleicht schlagen wir die Mücke tot und halten uns einfach von allen Menschen fern, die gerne mit langen Fingernägeln über glatte Oberflächen schubbern. Schwieriger wird es da, wenn die Geräusche ganz alltäglich sind und deshalb kaum ver- oder gemieden werden können. Genau das ist das Problem all jener Menschen, die an Misophonie leiden.

 

Schon kleinste Geräusche lösen heftige Reaktionen aus

Der Begriff Misophonie kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Hass auf Geräusche“. Betroffene empfinden Wut, Ekel, Abscheu oder ähnlich heftige negative Reaktionen, wenn sie bestimmte Geräusche hören. Das können beispielsweise Geräusche sein, die beim Essen oder Schlafen entstehen, aber auch Schniefen, Gelenkknacken, Kindergeschrei oder ein tropfender Wasserhahn. Diese Trigger-Geräusche müssen also noch nicht einmal laut sein. Alleine ihr Klangbild verursacht den daran Leidenden Qualen, die bis hin zu körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen, Unruhe, Schweißausbrüchen und einer Veränderung der Atmung reichen können. Unter Umständen kann es sogar zu körperlicher Gewalt kommen.

 

Weitgehend unbekannt und nicht eindeutig klassifiziert

Für das Umfeld von Betroffenen sind diese meist als irrational verstandenen Reaktionen kaum nachzuvollziehen. In der Folge ziehen sich Misophoniker nicht selten soweit möglich aus dem sozialen Miteinander zurück. Schließlich ist Misophonie bisher auch keine anerkannte Erkrankung. Sogar einheitliche Kriterien zur Diagnosestellung fehlen. Darüber zu reden ist also schwierig. Dabei gelang es Forschern bereits, die Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen im MRT nachzuweisen. Basierend auf dieser Erkenntnis wurden drei Faktoren bestimmt, die eine Misophonie begünstigen sollen: eine negative Erfahrung in Zusammenhang mit dem auslösenden Geräusch, das Geräusch selbst sowie eine fehlende Fluchtmöglichkeit.

 

Therapie ist nicht einheitlich und langwierig

Uneinigkeit herrscht bezüglich der Behandlung einer Misophonie. So empfehlen manche Ärzte oder Therapeuten eine Expositionstherapie, also die bewusste Konfrontation des Betroffenen mit seinem Trigger. Andere warnen davor, dies könne bereits vorhandene Trigger verstärken und sogar neue erzeugen. Sie plädieren stattdessen dafür, die Geräusche zu vermeiden – soweit dies eben möglich ist. Ein dritter Ansatz ist der Versuch, die Konditionierung, um die es sich bei der Misophonie wohl handelt, aufzulösen. Dies kann mithilfe verschiedenster therapeutischer Ansätze geschehen, setzt aber zunächst voraus, dass Betroffene Hilfe suchen und Therapeuten das Phänomen auch kennen und verstehen. Und noch eines kann Linderung verschaffen: unvoreingenommen darüber zu reden. Denn Isolation und Einsamkeit entstehen manchmal nur aus dem Eindruck heraus, kein offenes Ohr für die eigenen Gefühle zu finden.

 

 

 

 

 

 

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