Brauchen Kinder einen Terminkalender?

 

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Brauchen Kinder einen Terminkalender?

Seit Herbert Grönemeyer 1986 in einem Lied von Kindern als den „wahren Anarchisten“ sang, die „keine Rechte, keine Pflichten“ kennen, hat sich viel geändert. Heute gleichen die Terminkalender vieler Heranwachsender fast denen von Managern.

 

Egal, ob es sich bei den Einträgen um Musik- oder Tanzunterricht, sportliches Training bzw. Turniere oder auch um notwendige und regelmäßige Therapiesitzungen handelt: Für die besungene kreative Anarchie bleibt zahllosen Kindern und Jugendlichen angesichts dieser Terminfülle neben Kindergarten oder Schule gar keine Zeit mehr.

 

Freizeitstress statt Freizeitspaß

Diese Entwicklung ist dabei nicht auf Jugendliche beschränkt. Bereits Eltern von Kleinkindern werden durch spezifische Angebote wie Stillgruppen, Babyschwimmen oder auch musikalische Früherziehung dazu motiviert, ihren Nachwuchs so weit wie eben möglich zu fördern. Dies führt nicht selten zur Überforderung und damit zu schlecht gelaunten oder gereizten Kleinkindern, die zusätzlich unter Schlafstörungen leiden. Zudem geraten auch die Erziehungsberechtigten oft an die Grenze ihrer eigenen Leistungsfähigkeit. Denn die komplette Logistik von den Fahrdiensten über die Planung der kindlichen Terminfolge bis hin zur Betreuung der Hausaufgaben und natürlich den eigenen Haushalts- bzw. Berufspflichten bleiben an ihnen hängen.

 

Phänomen der Mittel- und Oberschicht?

Dabei sind es die Eltern selbst, die sich und ihren Kindern diesen Termindruck aufbürden. Besonders häufig kommt dies laut Experten in Familien der sogenannten Mittel- oder Oberschicht vor. Hier ist nach Beurteilung durch Soziologen ein regelrechter Wettbewerb entstanden. Je exklusiver die Freizeitaktivitäten der Kinder sind, desto mehr können deren Erzeuger vor ihrem Freundeskreis aus dem Bildungsbürgertum offenbar damit glänzen.

Besonders tückisch dabei ist die Tatsache, dass es für viele einzelne Aktivitäten durchaus gute Gründe gibt. So fördert Sport nicht nur die Motorik und die Gesundheit. Vor allem in Mannschaftsportarten lernen die Kinder auch Fairness und Teamgeist. Studien belegen, dass es für eine musikalische Ausbildung die Intelligenz des Nachwuchses fördert. Die Beispiele für positive Effekte ließen sich beliebig fortsetzen. Doch manchmal werden diese eigentlich gut gemeinten Fördermaßnahmen der Eltern für die Kinder einfach zu viel. Es bleibt einfach keine Zeit mehr dafür, gar nichts zu tun oder – wie es heute auf Neudeutsch heißt – schlicht und ergreifend zu chillen.

 

Freizeit sollte auch Freiheit beinhalten

Dies gilt umso mehr, wenn am Wochenende noch die gemeinsamen Aktionen mit der Familie hinzukommen. Viele Lehrer beobachten Schüler, die schon am Montagmorgen völlig erschöpft vom Wochenendstress ins Klassenzimmer kommen. Wer dem wirksam begegnen möchte, sollte nach Empfehlung von Pädagogen intensiver auf die Reaktionen der eigenen Sprösslinge achten. Diese sollten selbst mitentscheiden dürfen, welche Aktivitäten sie wirklich machen wollen und welche nicht. Auch Studien belegen, dass Kinder umso entspannter selbst mit vielen Terminen umgehen können, je selbstbestimmter sie ihre Freizeitgestaltung empfinden. Unabhängig vom Vorbild anderer sollte man seinen Kindern diese Mitbestimmung unbedingt lassen. Immerhin ist das Wort „frei“ wesentlicher Bestandteil des Begriffs Freizeit.

 

 

 

 

 

 

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