Dieses Mal stressfrei

Besinnlichkeit und Weihnachtsbraten

Ein Fest des Miteinanders

Warum fahren Menschen kreuz und quer über Land, um Weihnachten mit der Familie zu verbringen? Warum will trotz aller Motzerei über den „Weihnachtsstress“ kaum jemand ernsthaft Besuche, Geschenke und Festessen abschaffen? Vielleicht, weil sich doch mehr Menschen nach Verbundenheit und Gemeinschaft sehnen, als es manchmal scheint. Warum also nicht im Advents- und Weihnachtsmonat mal die Beziehungen zu anderen Menschen in den Vordergrund stellen?

 

„Wenn es auf Weihnachten zugeht, denken viele über die Intensität ihrer Beziehungen nach“, erzählt die Coachin, Trainerin und Autorin Silke Weining. Das merkt sie unter anderem daran, dass ihr mittlerweile über sechs Jahre alter Aufsatz zum Thema „Freundschaften beenden – Wann es Zeit ist loszulassen“ in der Advents- und Weihnachtszeit im Internet besonders oft geklickt wird. Die Schweizerin rät deshalb dazu, den Dezember mal ganz im Zeichen des achtsamen Miteinanders zu gestalten – mit Blick auf das Wesentliche und ohne Erwartungsstress. Immerhin waren die Adventswochen früher als Phase der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest eine Fastenzeit: weniger essen, weniger schuften, mehr Stille und Meditation.Leichter gesagt als getan, stimmt schon. Aber möglich ist es.

 

Bindungen stärken

Eine Option ist beispielsweise, sich bei jeder Adventsaktivität zu fragen: Schafft sie Beziehung? Bringt mich das wirklich näher mit anderen Menschen zusammen, oder auch mit Gott? Vielleicht fallen dann die vorgedruckten Weihnachtskarten mit schnell hingeworfener Unterschrift weg, oder auch die aufwendige Kocherei am 1. Feiertag. Oder aber man stellt fest, dass das Plätzchenbacken mit Kindern oder Freunden eine wohltuende Gelegenheit für freie Gespräche ist, die sonst kaum (noch) stattfinden.  Wie auch immer – gut ist, für sich selbst herauszufinden, was willkommene Nähe stärkt und was nicht. Und das gilt bei Weitem nicht nur für die eigene Familie, betont Silke Weining. „Es wäre doch schade, sich in der Adventszeit von guten Freunden zurückzuziehen, um aus einer allgemeinen Erwartungshaltung heraus komplett „in Familie“ zu machen. Zumal ja auch längst nicht jeder Mensch eine Familie um sich herum hat.“

 

Besuchszeitraum ausweiten

Vor allem Familien mit weit verstreuter Verwandtschaft oder auch Patchworkfamilien haben über die Weihnachtstage ein Zeitproblem. Warum also nicht den einen oder anderen Besuch auf ein Wochenende Mitte Januar verlegen? Dann sind die offiziellen Festtage zwar herum, aber vielleicht kann man sich einander dann gerade deshalb exklusiver widmen. Das gilt im Übrigen auch für Firmen-, Vereins- und andere Feiern: Warum nicht im Januar oder Februar, wenn der Winter immer noch düster ist und kein aufhellendes Fest in Sicht?

Auch Anna Keßler, bloggende Mutter dreier kleiner Kinder, die unter www.fraeulein-stressfrei.de/ Tipps für den Familienalltag gibt, gestaltet ihre Weihnachtsbesuche mit Kindern so stressfrei wie möglich: „Entweder reisen wir ein oder zwei Tage vorher an oder wir laden all unsere Lieben an Weihnachten zu uns ein. Am 24. Dezember morgens durch halb Deutschland reisen, um am frühen Abend quengelige und übermüdete Kinder im Zaum zu halten und an keinem Gespräch richtig teilnehmen zu können, hört sich für mich nicht gut an.“ Und ja, zur Not kann man ein Treffen auch nachholen – oder sich kurz via Videocall sehen. „Das haben wir in Zeiten von Corona ja nun ausreichend geübt.“

 

Realistisch bleiben

Früher war alles besser? Der Gedanke, dass die Weihnachtsfeste früher schöner waren, stresst, sagt Silke Weining. „Zwar ist es schön, in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen, nur blenden viele aus, dass frühere Weihnachten nicht immer ungetrübt waren.“ Ein bisschen mehr Realitätssinn und geringere Erwartungen schaffen Freiraum. Die gute Gelegenheit, Freunde oder Familienmitglieder wiederzusehen, ist doch erfreulich. „Und wenn man nicht bei seinen Liebsten sein kann, dann soll man die lieben, mit denen man gerade zusammen ist.“

In vielen Familien verschwinden die Teenager nach den Ritualen am Heiligen Abend, um sich mit Freunden in einem Klub von der Überdosis Familie zu erholen. Warum nicht? So können sich auch die Erwachsenen von der Überdosis Pubertät erholen – und alle sind zufrieden.

Auch Anna Keßler findet es wichtig, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben, denn es gibt nicht „das perfekte Weihnachtsfest“. Ihr Tipp für alle Eltern: „Plant und erwartet nicht den perfekten Heiligabend, sondern nehmt alles, was da kommen mag, mit Humor und seid dankbar für euer Glück, Weihnachten gemeinsam verbringen zu können. Die feierliche Stimmung stellt sich dann vermutlich von selbst ein.“

 

„Last Christmas“ nervt? Einfach mitsingen!

Spätestens ab dem ersten Advent vergeht kein Tag, an dem man nicht mindestens einmal „Last Christmas“ oder „Do They Know It’s Christmas“ hört. Die Dauerbeschallung mit Weihnachtsliedern geht vielen Menschen auf die Nerven. Gunter Kreutz, Musikwissenschaftler von der Universität Oldenburg, konnte nachweisen, dass der Nervfaktor entfällt, wenn man einfach mitsingt. Allein durch die vom Singen geprägte Körperhaltung versetzen wir uns in einen Zustand, der viel stärker mit positiven als mit negativen Gefühlen und Erinnerungen verbunden ist. Die offene Mimik und die gerade Haltung beim Mitsingen oder -summen versteht das Gehirn als positives Gefühl.

 

Inseln der Ruhe

Im Advent gibt es überall Sterne, Rentiere, Weihnachtsmänner und andere belanglose Symbole zu sehen. Der eigentliche Anlass, die Geburt Jesu, gerät fast zur Nebensache. Wem auch Besinnlichkeit und das christliche Fest wichtig sind, der kann mit einfachen Dingen wie Kerzen anzünden, bei einer Tasse Tee zwei, drei Weihnachtslieder singen oder auch eine Krippe in einer Kirche besuchen (die in der Adventszeit aus diesem Grund oft offen sind) wohltuende Inseln der Ruhe im Alltag schaffen. „Beruhigung ist wie ein Muskel“, erklärt Silke Weining, „das muss man immer wieder machen. Fünf Minuten am Tag zur Ruhe kommen, das ist fürs Wohlbefinden besser als alle paar Wochen ein Wellness-Wochenende!“

 

Auf das Wesentliche beschränken

Eltern, vor allem wir Mütter, haben oft das Bedürfnis, alles richtig und perfekt für die Kinder zu machen. Allerdings sind Kinder oft mit viel weniger glücklich, als wir so erwarten, findet Anna Keßler. Deshalb dürfen Eltern „mit ruhigem Gewissen die Einladung zur fünften (oder auch zur zweiten) Adventsfeier ablehnen, sich aus dem Feierlichkeitsorgateam zurückziehen und auch nur eine Sorte Plätzchen backen (oder kaufen), wenn sie sich damit Stress und Hektik ersparen.“

Innerhalb von Familie und Freundeskreis sei klare, aber wertschätzende Kommunikation die halbe Miete. Die Kinder brauchen nicht noch einen Adventskalender bei Oma und Opa, und der Nikolaus muss kein zweiter Weihnachtsmann sein. „An den Adventssonntagen gibt es zum Beispiel von meiner Mutter eine klitzekleine Überraschung für die Kinder – d. h. 4 statt 24 Päckchen.“ Wohlmeinende Onkels, Tanten, Nachbarn und Bekannte, die den Kleinen am Nikolaustag gerne etwas vor die Tür stellen möchten, haben bestimmt Verständnis dafür, dass es aufgrund der Schokoladen- und Plätzchenflut nur einen Nikolausteller pro Kind geben wird und sie sich gerne, aber bitte nur mit einer Kleinigkeit beteiligen können.

 

Klasse statt Masse

Es geht, das dürfte inzwischen klar sein, nicht darum, wahllos alle Personen im näheren Umkreis mit Weihnachtsgrüßen oder gar -geschenken zu bedenken. Wer das innere Bedürfnis danach nicht hat, und das sind einige, der sollte derlei Rituale nach dem Gießkannenprinzip eher weglassen. Und stattdessen beispielsweise einen ausführlichen Gruß an einen Menschen schreiben, zu dem der Kontakt leider abgerissen ist. Das kann auch erst zwischen den Jahren sein, also in der ruhigen Zeit nach den Weihnachtsfeiertagen.

Kleine Aufmerksamkeiten im Alltag halten im Übrigen nicht nur alte Liebe, sondern auch alte Freundschaften frisch, betont auch Anna Keßler. Ein Brief (gerne auch nächstes Jahr am 30. Juli, dem Tag der Freundschaft), eine Postkarte mit kleinem Gruß einfach zwischendurch, ein Blumenstrauß am Geburtstag oder ein kleines Päckchen selbstgebackener Plätzchen in der Adventszeit.

 

Entspannung durch Bewegung

Ein guter Teil der angespannten oder erschöpften Grundstimmung während der Weihnachtstage ist auf Bewegungsarmut zurückzuführen. In der kalten Jahreszeit hält man sich zwangsläufig mehr in der geheizten Stube auf; sonst übliche Aktivitäten, vom Spazierengehen bis zum Fitnesslauf, fallen dem gedrängten Adventsterminplan zum Opfer. Ein Spaziergang nach den Mahlzeiten sorgt für Entspannung und ist auch sonst wohltuend: Er hilft der Verdauung, wirkt Völlegefühl entgegen und bringt innere Ruhe.

 

Warum nicht mal „Friede, Freude, Eierkuchen“?

Das fragt, bewusst provozierend, Coachin Silke Weining. Zwar finden viele Menschen es auf eine gewisse Art heuchlerisch, wenn Familientreffen, bei denen sich viele im Grunde nicht grün sind, nur deshalb freundlich ablaufen, weil alle sich in kritischen Situationen beherrschen – beispielsweise nicht über bestimmte politische Themen sprechen oder die Bedenken über die Berufswahl des Nachwuchses ausblenden. „Aber es gibt doch auch ein menschliches Bedürfnis nach Nähe und Zusammengehörigkeit, und was ist denn so schlimm daran, sich mal drei Tage lang zusammenzunehmen? Vielleicht entsteht dadurch sogar eine Nähe, die vorher nicht da war und die dann später doch noch die eine oder andere Diskussion ermöglicht.“

 

Rechtzeitig miteinander reden

Wenn es um Weihnachten geht, hat jede und jeder ganz eigene Vorstellungen und Erwartungen an die Feiertage. Schade, dass in der Adventszeit gar nicht so viel darüber gesprochen wird. Dabei ändern sich die Wünsche im Laufe des Lebens sehr wohl, wie Silke Weining in der eigenen Familie erfahren hat. „Ich habe jahrelang gedacht, dass meine Mutter nur zu Hause feiern möchte“, erinnert sie sich. Bis die Mutter eines Tages selbst den Vorschlag machte, einmal gemeinsam über die Feiertage zu verreisen. „Da habe ich gemerkt: Viele Traditionen gibt es nur, weil alle denken, es geht gar nicht anders.“

Schließlich erwartet jeder etwas anderes vom großen Fest. Während die eine sich von den Feiertagen vor allem Erholung verspricht, freut sich der andere auf ausgiebige Besuche und darauf, endlich mal wieder die Enkel, alte Schulfreunde oder Geschwister zu sehen. Während die einen reichlich und aufwendig verpackte Geschenke oder ein besonderes Festessen lieben, bevorzugen die anderen eher Schlichtheit und allenfalls symbolische Gaben. Deshalb ist es gut darüber zu sprechen, worüber man sich in der Vergangenheit am meisten gefreut hat. Das kann ein ausgedehnter Spaziergang mit der entfernt lebenden Schwester gewesen sein, ein fröhliches Festessen mit Kind und Kegel in der Großfamilie oder auch der Besuch der Mitternachtsmesse. Wenn die Interessen auseinandergehen, heißt es Kompromisse schließen: Am 1. Feiertag Familientreffen, am 2. Feiertag im kleinen Kreis oder umgekehrt.

 

Nächstenliebe leben

Die Hauptakteure der biblischen Weihnachtsgeschichte sind Menschen, denen das Leben nicht gerade prächtig mitgespielt hat. Wer könnte sich also über Anschluss freuen: Die ausländische Studienkollegin der Tochter? Der frisch verwitwete Onkel? Selbstverständlich nur, wenn alle einverstanden sind. Die Chance auf eine gute Begegnung, die allen guttut, ist groß.

 

Weihnachten analog

Damit sich die vorweihnachtliche Stimmung voll und ganz entfalten kann, lohnt es sich, auf Fernsehen und Internet einmal zu verzichten. Britische und neuseeländische Wissenschaftler haben untersucht, was mit Menschen emotional passiert, die in ihrem Urlaub auf Handy, Laptop, Internet, Twitter, Facebook & Co verzichten. Die Studienteilnehmer berichteten über anfängliche Frustration und sogar über Entzugserscheinungen, aber auch über Gefühle der Befreiung und Freude über eine Rückkehr zum Wesentlichen. Statt sich von den Medien berieseln zu lassen, könnte man sich in der Advents- und Weihnachtszeit ja auch einmal Geschichten vorlesen, Erlebtes erzählen, Musik ganz bewusst hören und empfinden oder alte Fotos anschauen.

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