Frauengesundheit

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Frauengesundheit

Wer von Frauengesundheit redet, spricht in den meisten Fällen über bestimmte Aspekte der Gesundheit, die so nur Frauen betreffen. Die besten Beispiele hierfür sind wohl Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Damit wird die Frauengesundheit jedoch auf ein Nischendasein neben der allgemeinen Gesundheit reduziert. Dabei spielen für die adäquate medizinische Versorgung von Frauen weitaus mehr Aspekte eine Rolle als jene, die bereits von der Gynäkologie abgedeckt werden.

 

Männer und Frauen sind unterschiedlich. Was zunächst einmal wie eine Binsenweisheit klingt, gewinnt vor allem dann an Bedeutung, wenn man die gesundheitlichen Besonderheiten der beiden Geschlechter betrachtet. So gibt es nicht nur spezifische Erkrankungen, die nur Frauen oder nur Männer betreffen.

 

Auch die Anzeichen einer bestimmten Erkrankung können sich erheblich voneinander unterscheiden. Ebenso steht es um die Wirksamkeit einzelner Medikamente und Behandlungsarten sowie mögliche Nebenwirkungen – die bei Frauen mitunter deutlich stärker ausfallen. Den Grund hierfür erklärt Dr. med. Ute Seeland, Fachärztin und Dozentin für Innere Medizin und geschlechtersensible Medizin: „Das liegt häufig an der Dosierungsvorgabe, die sich am männlichen Geschlecht orientiert, weil das Medikament eben nur an männlichen Versuchstieren entwickelt und an Männern getestet wurde.“ Und auch die jeweiligen Lebensphasen mit ihren gesundheitlichen Besonderheiten machen eine differenzierte und geschlechtsspezifische Medizin notwendig.

 

Leider wurden aber gerade die Frauen und ihre spezifischen gesundheitlichen Bedürfnisse in der Geschichte der Medizin viel zu lange vernachlässigt. „Wie unterschiedlich Erkrankungen bei Männern, Frauen und nicht binären Personen verlaufen, welche Symptome sie zeigen, wie sie unterschiedlich auf Therapien ansprechen und welche Bedürfnisse daraus resultieren, alle diese Aspekte waren bis vor etwa 20 Jahren noch kein Thema in der Forschung“, bestätigt Dr. Seeland.

 

Dieselbe Erkrankung, aber andere Symptome: mehr Todesfälle

Wie schlecht es tatsächlich um ein Bewusstsein für die speziellen gesundheitlichen Bedürfnisse der Frauen steht, zeigt sich vor allem bei der häufigsten Todesursache für sowohl Männer als auch Frauen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Denn obwohl Frauen in Deutschland seltener an einem Herzinfarkt erkranken als Männer, ist ihr Sterberisiko deutlich höher. Der wahrscheinliche Grund hierfür: Erleiden Frauen einen Herzinfarkt, sind die Symptome oft weniger eindeutig.

 

Sie klagen dann häufig über Schmerzen in Rücken, Nacken oder Unterkiefer, Atemnot, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen oder Müdigkeit. Nicht nur die betroffenen Frauen selbst haben manchmal Schwierigkeiten, diese Symptome richtig zuzuordnen. Auch medizinisches Personal wie Ärzte oder Rettungskräfte erkennen die Gefahr mitunter zu spät, wodurch wertvolle Zeit bis zur richtigen Behandlung ungenutzt verstreicht. „Zudem lag der Schwerpunkt bei öffentlichen Kampagnen zur Herzinfarkt-Prävention in den letzten 20 Jahren fast ausschließlich auf den Männern. Auch wenn sich das langsam ändert, wird der Herzinfarkt bis heute in erster Linie als Männerproblem wahrgenommen“, erläutert Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité. Zwar verfügten Frauen bis zum Einsetzen der Wechseljahre über eine Art hormonellen Schutz, der einen Herzinfarkt unwahrscheinlicher mache. Danach gleicht sich das Risiko bei den beiden Geschlechtern jedoch an. Außerdem sind viele Frauen heutzutage einer enormen Doppelbelastung ausgesetzt, indem sie nicht nur einem Beruf nachgehen, sondern in der Regel auch noch den größeren Teil der Erziehungsarbeit leisten. Und das bedeutet natürlich viel Stress – mit eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

 

Knochengesundheit: Ein Opfer der Wechseljahre?

Ein weiteres Krankheitsbild, das sich von Geschlecht zu Geschlecht deutlich unterscheidet, ist die Osteoporose. Alleine in Deutschland leiden rund sechs Millionen Menschen an ihr. Insbesondere in fortgeschrittenem Alter sind Frauen deutlich häufiger von dieser Schwächung der Knochenstruktur betroffen als Männer. Der Grund hierfür: Mit Einsetzen der Menopause werden weniger Östrogene produziert. Diese Östrogene stimulieren jedoch den Aufbau neuer Knochenmasse. Fallen sie nun sehr plötzlich weg, wie das mit Einsetzen der Wechseljahre geschieht, werden die Knochen allmählich porös. Diese Schwächung der Knochen setzt sich mit den Jahren fort, sodass es im hohen Alter verhältnismäßig leicht zu Knochenbrüchen kommen kann. Neben einem gesunden Lebensstil, der die Knochengesundheit maßgeblich beeinflusst, wird Frauen in den Wechseljahren daher empfohlen, einmalig eine Knochendichtemessung vornehmen zu lassen. So können die Risiken einer Osteoporose eingeschätzt und im Bedarfsfall Maßnahmen ergriffen werden, um sie aufzuhalten.

 

Welche Vorsorgeuntersuchungen stehen Frauen zu?

Unterschiede gibt es auch bei der Krankheitsprävention. So haben Frauen nicht nur Anspruch auf andere Arten der Vorsorgeuntersuchungen. Auch die Anzahl bzw. Intervalle zwischen den einzelnen Untersuchungen sind andere als bei Männern: Ab einem Alter von 20 Jahren haben Frauen Anspruch auf eine jährliche Genitaluntersuchung zur Früherkennung von Krebserkrankungen. Ab 25 kommt dann noch ein jährlicher Test auf eine Infektion mit Chlamydien hinzu. Ab 30 Jahren steht ihnen eine jährliche Brust- und Hautuntersuchung zur Krebsvorsorge zu. Ab einem Alter von 35 Jahren haben Frauen außerdem alle drei Jahre Anspruch auf ein kombiniertes Screening aus zytologischer Untersuchung zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und HPV-Test.

 

Ebenfalls ab 35 wird alle drei Jahre ein allgemeiner Gesundheits-Check-up zur Früherkennung zum Beispiel von Nieren-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes und alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening empfohlen. Zwischen 50 und 69 Jahren erhalten Frauen dann alle zwei Jahre eine Einladung zum Mammografie-Screening, um eine mögliche Brustkrebserkrankung frühzeitig zu erkennen. Etwas unübersichtlicher wird es bei der Darmkrebsvorsorge, da sich die Vorsorgeangebote zwischen dem 50. und dem 55. Lebensjahr ändern: Zunächst haben Frauen ab 50 Anspruch auf einen jährlichen Test auf verborgenes Blut im Stuhl. Ab 55 Jahren wird hingegen empfohlen, wahlweise alle zwei Jahre einen Test auf solch okkultes Blut im Stuhl oder zwei Darmspiegelungen im Mindestabstand von zehn Jahren wahrzunehmen. Gibt es allerdings Fälle von Darmkrebs in Ihrer näheren Familie, haben Sie bereits ab einem Zeitpunkt Anspruch auf eine Vorsorgedarmspiegelung, der 10 Jahre vor dem Alter liegt, in dem beim Familienmitglied Darmkrebs oder Darmpolypen festgestellt wurden. Wenn Sie selbst an einer entzündlichen Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa leiden, haben Sie ebenfalls das Recht auf eine frühere Untersuchung. Fragen Sie in diesem Fall am besten gezielt in Ihrer Hausarztpraxis nach.

 

Keine Angst vor der Darmspiegelung

Viele Frauen, aber auch genauso viele Männer haben Angst vor einer Darmspiegelung, fachsprachlich Koloskopie genannt. In den allermeisten Fällen rührt diese Angst von einer falschen Vorstellung her, was bei einer Darmspiegelung passiert und wie sie abläuft. Um es ganz klar zu sagen: Bei einer Darmspiegelung handelt es sich um eine Routineuntersuchung, bei der ein Facharzt den Dickdarm mithilfe einer winzigen Kamera untersucht.

 

Wird dabei auffälliges Gewebe wie ein Polyp entdeckt, wird dieses meist schon während der Untersuchung entfernt. Für die Dauer der Untersuchung, die meist nicht länger als 45 Minuten dauert, werden Sie sediert. Sie verschlafen das Ereignis also. Am unangenehmsten wird meist die Vorbereitung beschrieben, während derer Sie eine große Menge Flüssigkeit trinken müssen, die in den Stunden vor der Untersuchung wieder abgeführt wird. Wie wichtig die Darmkrebsvorsorge tatsächlich ist, belegen die Zahlen: Von den Patienten, die eine Darmkrebsdiagnose erhalten, versterben circa 40% – und zwar nicht, weil Darmkrebs besonders bösartig ist, sondern weil er im Frühstadium meist nur wenige Beschwerden verursacht und deshalb in vielen Fällen erst sehr spät entdeckt wird.

 

Suchterkrankungen und Frauenbild

Ein Thema, das leider immer noch viel zu häufig tabuisiert wird, sind Suchterkrankungen bei Frauen. Dabei ist es gerade hierbei wichtig, genau hinzuschauen und geschlechtsspezifische Bedingtheiten und Muster zu erkennen, um bei der letztlichen Behandlung der Sucht bessere Ergebnisse zu erzielen. Denn wie und warum Suchtmittel konsumiert werden, unterscheidet sich mitunter erheblich von der Art und Weise, wie Männer Sucht erleben. So neigen Frauen eher zu einer sogenannten „stillen Sucht“, bei der heimlich und im Verborgenen konsumiert wird. Dafür eignen sich vor allem als relativ ungefährlich geltende und daher unauffällige Substanzen wie Zigaretten, Alkohol, Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Die Ursachen für den Konsum sind ebenso vielfältig wie bei Männern. Häufig geht es aber darum, trotz Stress oder Niedergeschlagenheit „funktionieren“ zu können.

 

Gerade wenn das vermeintlich gut funktioniert, werden Frauen meist erst spät von ihrer Umwelt mit ihrer Sucht konfrontiert. Passiert dies schließlich, widerfährt ihnen dafür umso mehr Verachtung und Ablehnung. So wird der Schritt, sich Hilfe zu suchen, noch schwieriger. Dabei ist vor allem die frühzeitige Auseinandersetzung mit der eigenen Sucht wichtig, um einer weiteren Abhängigkeit entgegenzuwirken. Die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler sagte hierzu: „Drogenpolitik muss die speziellen Bedürfnisse von Frauen erkennen und berücksichti-gen. Barrieren, die Frauen davon abhalten, sich in Behandlung zu begeben, etwa die Ausgrenzung durch die eigenen Familien, müssen überwunden werden. Viel zu häufig verhindert die gesellschaftliche Tabuisierung von Drogenkonsum und Sucht selbst lebensrettende Maßnahmen. Das muss sich ändern!“

 

Fazit: Es gibt viele gute Gründe, warum Medizin und Gesundheit auch aus einem spezifisch weiblichen Blickwinkel betrachtet werden sollten. Dieser Perspektivwechsel soll keineswegs dazu führen, dass der männliche Aspekt beschnitten werden oder gar verschwinden soll. Vielmehr geht es darum, zu begreifen, wie individuell Gesundheit ist. Medizin aus einer rein männlichen Perspektive ist ebenso fehleranfällig, wie es eine Medizin aus rein weiblicher Sicht wäre.

 

Glücklicherweise sind die ersten Schritte hin zu einer geschlechterspezifischen Medizin mittlerweile gemacht. Jetzt können wir daran arbeiten, den Blick für spezifische Bedürfnisse, egal aus welcher Bedingung sie resultieren, noch weiter zu schärfen. So werden wir allmählich immer besser darin werden, diejenige medizinische Versorgung zu bieten, die er oder sie benötigt und auch verdient.

 

 

 

 

 

 

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