Unsere Verdauung

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Unsere Verdauung

Wir sollten mal darüber reden!

Unsere Verdauung – je weniger wir uns mit ihr beschäftigen müssen, desto lieber ist uns das meistens. Schließlich eignet sich das Thema kaum für leichten Smalltalk
auf dem abendlichen Balkon. Eigentlich schade, denn mit dieser Art der Missachtung, die bisweilen schon in Ekel umschlägt, tun wir unserer Verdauung definitiv unrecht. Zeit, mal etwas anders zu machen! Zeit, mal darüber zu reden!

 

Das Herz kennt jeder, das kommt in mindestens jedem zweiten Liebeslied vor. Vom Gehirn sind wir auch sehr angetan und rühmen uns gerne mit seinem Potenzial. Sogar der Magen spielt im Alltag hin und wieder eine Rolle – auch wenn es dann meist die ist, dass jemand „Magendarm“ hat und deswegen nicht aufkreuzt. Und vom Darm hören wir ansonsten eher selten was. Ganz schön ungerecht, denn wenn Magen oder Darm mal plötzlich nicht mehr wie gewohnt ihre Arbeit verrichten, ist das Unbehagen ziemlich schnell ziemlich groß. Und auch sonst könnten wir unserer Verdauung etwas mehr Wertschätzung entgegen bringen.

 

Mut zur Lücke!

Unsere Verdauung beginnt eigentlich bereits im Mund: Dort werden Speisen durch den Speichel und die Zähne aufgeweicht, zerkleinert, und für die weitere Verdauung vorbereitet. Durch die Speiseröhre gelangt sie in den Magen, von dort in den Darm. Wir möchten uns in diesem Artikel aber auf Magen und Darm konzentrieren, weil bereits diese beiden Organe und ihr komplexes Zusammenspiel genügend Gesprächsstoff für ein ganzes Heft liefern würden.

 

Der Sitz des Bauchgefühls

Der Darm, insbesondere der Dickdarm, ist von einem Kranz von Nervenzellen umgeben, die komplizierte Verdauungsvorgänge steuern. In der Menge sind hieran mehr Nervenzellen beteiligt, als im Rückgrat vorhanden sind. Wer daher von einem zweiten Gehirn oder Nervenzentrum im Bauch spricht, der hat also gar nicht so Unrecht! Nicht umsonst stießen sich die alten Samurai im feudalen Japan beim rituellen Selbstmord in die hara, die Region zwischen Magen und Unterleib, die auch mit Emotionen und wahren Gefühlen assoziiert wird. Auch viele psychische Phänomene wie zum Beispiel Stress, Nervosität oder Angst schlagen sich in einem „unguten Bauchgefühl“ nieder. Wer sich also auf sein Bauchgefühl verlässt, folgt damit im besten Falle den unbewussten und unreflektierten Signalen seines Körpers.

 

Ein Teil des Immunsystems

Circa 80% der Abwehrzellen des menschlichen Immunsystems sitzen im Darm. Dieses sogenannte Darm-assoziierte Immunsystem hält die Darmflora im Gleichgewicht und arbeitet aus dem Bauch heraus, um unerwünschte Eindringlinge unschädlich zu machen. Tatsächlich ist der Zusammenhang mit einer gesunden Darmflora entscheidend: Ist das Immunsystem geschwächt, gerät auch die Darmflora aus dem Gleichgewicht. Und ist die Darmflora geschädigt, schwächt das das Immunsystem. Selbst Emotionen sollen die Zusammensetzung der Bakterien in unserem Darm beeinflussen können. Funktioniert diese Symbiose von Immunsystem und Darmflora nicht mehr, spricht man von einer sogenannten „Dysbiose“ oder „Dysbakterie“. Um die Darmflora nach einer solchen Dysbiose wieder ins Gleichgewicht zu bringen, verabreicht man häufig Probiotika. Diese lebenden Bakterienstämme haben unterschiedliche, aber insgesamt stärkende Auswirkungen auf die Darmflora. Als Ergänzung zur alltäglichen Ernährung können sie also ebenfalls eine gute Idee sein.

 

Randale im Bauch

Manches, was der Gaumen begrüßt, wird vom Magen missbilligt. Bestimmte Lebensmittel provozieren geradezu einen Protest unseres Verdauungssystems. Unseren Genuss quittiert er dann mit Blähungen Verstopfung oder auch Durchfall. Dass wir so unterschiedlich auf Nahrungsmittel reagieren, liegt manchmal an der Zusammensetzung der jeweiligen Darmflora. Bei einigen Speisen sollte der geneigte Esser jedoch generell Vorsicht walten lassen.

 

Fruchtzucker kann Probleme bereiten – Obst gilt generell als ein gesundes Lebensmittel. Doch nicht jeder verträgt es auch gut. Denn Obst enthält reichlich Fruchtzucker, der von Bakterien im Darm aufgespalten werden muss und Blähungen verursachen kann.

Klassiker der schwer verdaulichen Küche – Manche Gerichte sind dafür berüchtigt, ein Grimmen in der Magengrube zu verursachen. Neben Hülsenfrüchten wie Linsen und Bohnen zählen dazu auch Zwiebeln, Lauch und Kohl. Der Grund hierfür ist zum einen die harte Zellstruktur, zum anderen bestimmte Zucker, die im Dünndarm nicht aufgespalten werden können. Sie wandern weiter in den Dickdarm, wo sie zwar aufgespalten werden, dafür aber auch Darmwinde verursachen, die gerade bei der Zwiebel und ihren Verwandten, die schwefelhaltige Verbindungen enthalten, einen üblen Geruch haben können.

 

Fette Speisen sind Schwerstarbeit für den Darm – Fett ist ein Geschmacksträger und ein Energielieferant. Für unsere Verdauung bedeuten fette Speisen jedoch Überstunden, denn Fett liegt schwer im Magen. Das liegt daran, dass Fett besonders viel Zeit benötigt, um verwertbar gemacht werden zu können. Außerdem sind fette Speisen traditionell stark gewürzt, was ebenfalls Probleme bereiten kann.

 

Hausmittel gegen Bauchweh

Handelt es sich bei den Beschwerden lediglich um Bauchschmerzen und Blähungen, können schon einige Hausmittel helfen: Kauen Sie gründlich und achten Sie auf ausreichend Bewegung, um einen trägen Darm zu mobilisieren. Tees mit Anis und Fenchel und Kümmel im Essen helfen ebenfalls gegen Blähungen. Der einfachste Weg, Verdauungsbeschwerden zu vermeiden, ist natürlich: Finger weg von den Lebensmitteln, die Ihnen Probleme bereiten!

 

Der Unterschied zwischen Allergien und Unverträglichkeiten

Bei einer Allergie spielt das körpereigene Immunsystem die entscheidende Rolle. Es löst eine manchmal äußerst heftige Abwehrreaktion des Körpers auf geringste Mengen des allergenen Stoffes aus. Weit verbreitet ist beispielsweise die Allergie gegen Nüsse. Aufgrund der Heftigkeit dieser Reaktionen kann eine solche Allergie sogar lebensbedrohlich sein.

Bei der Lebensmittelintoleranz oder Unverträglichkeit hat der Organismus dagegen aufgrund eines Mangels an Enzymen die Fähigkeit verloren, einen bestimmten Inhaltsstoff zu verdauen. Oft können geringe Mengen des entsprechenden Nahrungsmittels aber weiterhin problemlos vertragen werden. Erst größere Mengen lösen Beschwerden aus.

Betroffen ist hierbei also der Verdauungsapparat und nicht das Immunsystem. Hier noch ein Blick auf die Zahlen: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung haben nur 3 bis 4% der Erwachsenen eine Lebensmittelallergie.
Bei einer Lebensmittelunverträglichkeit sind es dagegen zwischen 15 und 20%.

 

Laktoseintoleranz – Eine der häufigsten Unverträglichkeiten ist die Laktoseintoleranz. Betroffenen können Milchzucker, die sogenannte Laktose, nicht aufspalten, weil ihr Organismus nicht über ausreichende Mengen des Enzyms Laktase verfügt. Der Milchzucker gelangt also in den Dickdarm und kann erst dort abgebaut werden. Dadurch kann es zu Blähungen, Durchfall und Bauchgrimmen kommen.

 

Fruktoseintoleranz – Fruktose ist Fruchtzucker, also der Grund, warum Obst süß schmeckt. Im Unterschied zu Glukose kann der menschliche Organismus Fruktose nur in Maßen verarbeiten. Dabei wird die Fruktose im Darmtrakt absorbiert und ins Blut geleitet. Dieser Transport funktioniert mithilfe eines speziellen Eiweißes. Allerdings ist die Menge dieses Eiweißes begrenzt, weshalb die Fruktose unter Umständen nur teilweise verwertet werden kann. Daher können auch selbst gesunde Menschen mitunter an Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall leiden.

 

Glutenintoleranz/Zöliakie – Bei der Zöliakie handelt es sich um einen Sonderfall, denn weder gehört sie zu den Allergien, noch zu den klassischen Unverträglichkeiten. Bezeichnet wird mit dem Begriff eine entzündliche Immun-
reaktion der Darmschleimhaut, die die Aufnahme von Nährstoffen behindert. Patienten bleibt dabei nur, konsequent auf Gluten zu verzichten. Das morgendliche Müsli, der Kuchen am Nachmittag, oder das Bier am Feierabend – all das ist dann tabu. Betroffen ist allerdings nur etwa 1% der Bevölkerung.

 

Manchmal mehr Schein als Sein

Die Absatzzahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wir sind scheinbar alle krank! Anders sind die Verkaufszahlen für gluten- und laktosefreie Produkte kaum zu erklären. Aber stimmt das auch? Nicht ganz. Denn viele Käufer von laktose- und glutenfreien Produkten leiden gar nicht an Intoleranzen. Stattdessen werden sie von der Marktforschung zu den sogenannten „Ernährungssensiblen“ gezählt. Diese Gruppe ist nicht erkrankt, aber zumindest doch besorgt und bemüht, jegliches Risiko für ihre Gesundheit aufgrund der Ernährung zu minimieren. Und die Werbung bedient dieses Bedürfnis nur allzu gerne: Laktose- oder glutenfreie Produkte, die ja durchaus ihre Berechtigung haben, werden plötzlich als allgemein gesundheitsfördernde Nahrungsmittel angepriesen, als moderne Lifestyle-Produkte, die für einen gesundheitsbewussten Alltag unverzichtbar sind.

 

Crohn und Colitis

Morbus Crohn und Colitis gehören zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, abgekürzt CED. Sie sind die beiden am weitesten verbreiteten Vertreter dieser Gruppe von Krankheiten und kommen in etwa gleich häufig vor. Auch die Beschwerden ähneln einander: Neben Verdauungsbeschwerden und Bauchschmerzen ist ein Krankheitsverlauf in Schüben typisch, bei dem sich beschwerdefreie Zeiten, die sogenannte Remission, mit Phasen abwechselt, in denen erneut Beschwerden auftreten, den sogenannten Rezidiven. Aber es gibt auch Unterschiede: Morbus Crohn bezeichnet eine chronische Entzündung des Verdauungstraktes. Relativ oft ist dabei der Übergang vom Dünn- zum Dickdarm betroffen. Dazu kommt es im Darm häufig zu einzelnen Entzündungsherden innerhalb sonst gesunder Darmabschnitte. Breitet sich die Entzündung über den Darm hinaus aus, können Fisteln, Abszesse, Vernarbungen oder eine Darmverengung entstehen.

Bei einer Colitis ulcerosa ist dagegen hauptsächlich die Schleimhaut des Dickdarms und des Enddarms betroffen. Dort kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die meist mit Geschwüren einhergeht. Auch hier ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung wichtig, weil es durch die Entzündung im Darm mit der Zeit zu einer dauerhaften Schädigung des Organs kommen kann.

Deutschlandweit leiden rund 300.000 Menschen an einer solchen Art der Erkrankung. Bei den meisten Menschen tritt die Erkrankung vergleichsweise früh auf, nämlich zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr. Die Ursachen für die Entstehung einer CED sind vielfältig. Einerseits gibt es eine genetische Komponente: Leiden enge Familienmitglieder an einer CED ist das Risiko, ebenfalls an einer CED zu erkranken, leicht erhöht. Daneben wurde festgestellt, dass Menschen mit einer CED eine Veränderung der Darmschleimhaut aufweisen. Ist dieser Schutz beeinträchtigt, wird das Immunsystem aktiviert, wodurch es zu weiteren Entzündungsreaktionen und einer zusätzlichen Schädigung der Darmschleimhaut kommen kann. Und auch der Lebensstil scheint einen Einfluss zu haben: Neben einer unausgewogenen, ballaststoff- und vitaminarmen Ernährung soll das Rauchen das Risiko einer Erkrankung deutlich erhöhen. Und auch das ohnehin schon bestehende Darmkrebsrisiko wird dadurch weiter erhöht.

 

Keine Sorge vor der Darmkrebsvorsorge

Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Dabei ist sie gleichzeitig eine der am besten therapierbaren Krebserkrankungen – wenn sie denn rechtzeitig entdeckt wird. Denn Darmkrebs entsteht meist aus gutartigen Polypen, kleinen Wucherungen, die zunächst nicht gefährlich sind und häufig keinerlei Symptome verursachen. Werden diese Polypen früh entdeckt, lassen sie sich ganz einfach entfernen, wodurch auch die Gefahr schwindet, dass sich aus diesen Wucherungen Darmkrebs entwickeln könnte. Die sicherste Methode, um einen Polypen zu entdecken und dann auch gleich entfernen zu können, ist die Darmspiegelung.

 

Augen zu und durch

Eine Darmspiegelung, fachsprachlich Koloskopie genannt, löst sicherlich keine Begeisterungsstürme aus. Dabei verläuft sie in aller Regel völlig unproblematisch: Der Arzt führt einen kleinen Schlauch mit einer Kamera in den Darm der zu untersuchenden Person ein und untersucht damit die Innenwände des Dickdarms. Die untersuchte Person bekommt von dieser Untersuchung, die ambulant durchgeführt wird und zwischen 15 Minuten und einer halben Stunde dauert, nichts mit, da sie zuvor in einen Dämmerschlaf versetzt wurde. Nach kurzer Erholung geht es wieder nach Hause.

Lediglich die Vorbereitung, bei der eine große Menge Flüssigkeit getrunken werden muss, die zur Darmentleerung führt, wird als lästig oder gar unangenehm empfunden. Einen Trumpf kann die Koloskopie aber noch ausspielen: Im Gegensatz zu rein diagnostischen Untersuchungen kann der oder die behandelnde Arzt oder Ärztin bereits während der Darmspiegelung entdeckte Geschwüre entfernen.

Das Problem: Viele Menschen scheuen die Vorsorgeuntersuchung. Vor allem Männer. Die Gründe dafür, den Kopf in den Sand zu stecken, sind vielfältig. So suchen Männer insbesondere in jüngeren Jahren den Arzt lediglich im Krankheitsfall auf, nicht aber für Routinekontrollen. Außerdem spielt häufig auch die Angst vor einer schlechten Diagnose eine Rolle. Dabei besteht gerade bei Darmkrebs auch dann noch eine sehr gute Heilungschance, wenn der Krebs bereits ausgebrochen ist.

 

Ein Fazit

Erst, wenn man sich die verschiedenen Aufgaben und Herausforderungen unseres Verdauungssystems vor Augen führt, begreift man, wie hochkomplex und faszinierend sein Aufbau ist. Weil es wichtig ist, für mögliche Probleme mit Magen, Darm und Verdauung Aufmerksamkeit zu schaffen.

Viel zu oft leiden Betroffene still vor sich hin, aus Angst, ihre Beschwerden zu thematisieren. Dabei könnte ihnen in den meisten Fällen wohl schnell geholfen werden, wenn ihre Probleme bereitwilliger angesprochen werden und auf offene Ohren treffen würden.

Das zu ändern, liegt an uns. Schwer ist es nicht. Wir müssen nur unseren Hintern hochbekommen!

 

 

 

 

 

 

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