Herzgesundheit und Covid-19

Herr Dr. Hoffmann, am 5. Mai hat die Weltgesundheitsorganisation den Gesundheitsnotstand aufgrund der Covid-19-Pandemie aufgehoben. Inwieweit spielt Covid-19 in Ihrem Arbeitsalltag in der Herzchirurgie noch immer eine Rolle?

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Regularien, die während der Pandemie zur Eindämmung derselben entwickelt wurden, nicht nur stark vom Bundesland abhängig waren, sondern auch vom jeweiligen Krankenhaus. Demzufolge spreche ich hier also auch vor allem über die Situation am Uniklinikum Würzburg, genauer gesagt: der dortigen Herzchirurgie.

Was die Einschränkungen angeht, muss man konstatieren, dass glücklicherweise sehr viele davon weggefallen sind. Für die Patienten mit am wichtigsten ist wohl die Aufhebung der Besuchsbeschränkungen. Während der Pandemie waren Besuche ja nur unter strengsten Auflagen möglich und auf eine Person pro Tag und eine Stunde beschränkt. Dies war sowohl für Patienten als auch Angehörige eine äußerst schwierige Situation – die es so nun glücklicherweise nicht mehr gibt.

Zum Vor-Corona-Alltag konnten Sie bisher aber noch nicht zurückkehren, oder?

Nein, Covid-19 beeinflusst unsere Arbeit in der Herzchirurgie auch weiterhin. So ist für eine stationäre Aufnahme in Vorbereitung für eine Operation beispielsweise noch immer ein negativer PCR-Test notwendig. Der soll eine akute Infektion ausschließen, so dass es während und nach der Operation nicht zu Komplikationen aufgrund von SARS-CoV-2 kommt.

Nach einer Infektion warten wir bei planbaren operativen Eingriffen zudem sieben Wochen, um die tatsächliche Verfassung des Patienten beurteilen zu können. Ist die Symptomatik noch nicht abgeklungen, operieren wir nur im Notfall.

Es gab immer wieder Berichte, dass das Corona-Virus auch das Herz beeinträchtigt. Können Sie das bestätigen?

Es gibt Sonderfälle, in denen ein direkter Zusammenhang zwischen einer Corona-Infektion, häufiger noch einer Impfung gegen Covid-19 und einer Myokarditis, also einer Entzündung des Herzmuskels, beschrieben wurde. Eine solche Korrelation ist aber sehr selten.

Allerdings gibt es einen anderen, schwerer wiegenden Zusammenhang: Die Risikofaktoren, schwer an einer Covid-19-Infektion zu erkranken, sind nämlich dieselben, die letztlich auch auf unsere herzchirurgischen Patienten zutreffen.

Das ist der männliche Patient, Mitte 60, mit Bluthochdruck, Übergewicht und einer Zuckererkrankung. Hier gab es deutliche Überschneidungen bei den Patientengruppen und eine Überlagerung der Symptomatik.

Während der Corona-Pandemie wurden einige nicht dringend notwendige Operationen verschoben. Gibt es nun so etwas wie einen Behandlungs-Rückstau?

War eine sofortige Operation notwendig, um das Leben einer Patientin oder eines Patienten zu retten, haben wir diese auch durchgeführt. Aber es stimmt durchaus, dass sich viele Behandlungen aufgrund knapper Kapazitäten verzögert haben. Hinzu kommt, dass die Corona-Pandemie für das gesamte Gesundheitspersonal eine enorme Herausforderung war. Viele Kolleginnen und Kollegen aus den Arzt- und Pflegeberufen sind während der Pandemie ausgeschieden.

Hier müssen wir in Zukunft unbedingt gegensteuern, sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Unser Gesundheitssystem, das in dieser Krisenzeit im Großen und Ganzen übrigens einigermaßen gut funktioniert hat, ist einfach zu wichtig, als dass wir uns als Gesellschaft mit einem solchen Mangel arrangieren könnten.

Bleiben wir zum Schluss doch bei einer kleinen Retrospektive.
Wie bewerten Sie die Pandemie und die Geschehnisse drum herum
in der Rückschau?

Wirklich positiv überraschend war die Reaktion der Gesellschaft insgesamt. Natürlich hat die Pandemie Menschenleben gekostet. Insgesamt gab es aber keine Situation, in der das System katastrophal versagt hätte. Und das lag auch an der Bevölkerung, die die Maßnahmen zum großen Teil mitgetragen hat. Das hat man in den Straßen gesehen, aber auch auf Station.

Außerdem wurde die interdisziplinäre Zusammenarbeit gestärkt. Kapazitäten wurden gemeinsam und unter Absprache ausgeschöpft, und auch die Kollegialität untereinander wurde gestärkt. Natürlich müssen wir die Pandemie irgendwann hinter uns lassen. Aber es wäre wünschenswert, wenn wir diese Errungenschaften erhalten könnten und sie nicht der Rückkehr zur Tagesordnung zum Opfer fallen.

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Dr. Hoffmann.

 

Dr. med. Jörg Hoffmann

Oberarzt, leitender Konsiliararzt und Facharzt für Herzchirurgie der Klinik und Poliklinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Würzburg

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