Männergesundheit

An Männerbildern herrscht in der menschlichen Kultur kein Mangel. Leider handelt es sich dabei aber oft um das Bild des „starken Mannes“, der vor Lebenskraft strotzt und Konflikte nur allzu gerne mit Gewalt löst.

Eine wirkliche Vielfalt an Männerbildern hat sich erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet – und damit eine unerwartete Chance eröffnet: vorurteilsfrei über die männliche Gesundheit zu sprechen.

 

Von der Notwendigkeit der Selbstfürsorge

XY anstatt XX – zumindest genetisch ist der Fall einigermaßen klar: Auf dem Y-Chromosom des Mannes können deutlich weniger genetische Informationen kodiert werden als auf dem zweiten X-Chromosom der Frauen. Wenn das X-Chromosom des Mannes nun einen Schaden hat, kann das Y-Chromosom nicht alle ausgefallenen Funktionen übernehmen. Die Folge: Männer sind anfälliger für allerlei Krankheiten – und leben deshalb im Schnitt auch fünf Jahre kürzer als Frauen.

Betrachtet man die Lebenswirklichkeit, sieht das alles natürlich etwas anders aus, denn hier spielt der Lebensstil eine wichtige Rolle. Zwar bestätigen Wissenschaftler, dass Männer typisch-destruktive Männlichkeitsformen zunehmend ablehnen. Das als ebenfalls typisch männliche geltende selbstschädigende Verhalten zeigen sie jedoch nach wie vor. So leben Männer insgesamt immer noch deutlich ungesünder als Frauen: Tendenziell ernähren sie sich unausgewogener, essen zum Beispiel mehr rotes Fleisch, trinken mehr Alkohol, greifen häufiger zu Tabak und neigen zu ungesünderem Medienkonsum. Außerdem pflegen sie auch einen risikobereiteren Lebensstil, beispielsweise im Straßenverkehr: Bei drei Vierteln aller Todesopfer durch Verkehrsunfälle handelt es sich um Männer. Andererseits gehen sie seltener zu Vorsorgeuntersuchungen und schieben selbst Arztbesuche bei akuten Beschwerden häufiger auf die lange Bank. Bei der attestierten Risikobereitschaft kann es sich also zumindest manchmal auch einfach um Leichtsinn handeln.

 

Was ist toxische Männlichkeit?

Wenn es um Männerbilder geht, hört man immer wieder den Begriff „toxische Männlichkeit“. Klar ist, dass es dabei irgendwie um eine falsch verstandene und gelebte Männlichkeit geht. Aber was genau verbirgt sich dahinter?

In den meisten Lebensbereichen, allen voran Beruf und Familie, hatten Männer lange Zeit die Oberhand. Akzeptierte Normen und Umgangsformen waren eindeutig männlich geprägt. Grundlage hierfür war die Vorstellung einer von Dominanz, Stärke und Gewalt geprägten Männlichkeit. Auch die Unterdrückung vermeintlich schwächlicher Gefühle und das Verschweigen von Sorgen und Ängsten gelten als Formen toxischer Männlichkeit. Der Platz der Frauen in diesem System ist klar definiert: Sie haben sich anzupassen und unterzuordnen.

Versuche, diese unhinterfragte und ungerechtfertigte Dominanz einer falsch verstandenen Männlichkeit heutzutage noch zu verteidigen oder wiederherzustellen, versteht man häufig ebenfalls als „toxisch männlich“. Glücklicherweise ist unsere Gesellschaft heute freier als damals. Die Diskriminierung von Frauen wurde mittlerweile zumindest teilweise beendet. Und auch viele Männer haben gelernt, patriarchale Strukturen und ihre Rolle innerhalb dieses Systems zu hinterfragen – und sich gegen toxische Männlichkeit zu positionieren.

 

Männer sind noch immer Vorsorgemuffel

Vor allem Männer selbst halten es manchmal für ein längst überholtes Klischee, leider ist es aber noch immer eine Tatsache: Wenn es um die Gesundheitsvorsorge geht, herrscht bei vielen Männern nach wie vor eine ungesunde Laissez-faire-Haltung. Das belegen auch die Zahlen: Zwar gebe es einen langsamen, aber stetigen Trend unter Männern, zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG) hat jedoch in mehreren Befragungen festgestellt, dass noch immer gerade einmal 22% der Männer eine Vorsorgeuntersuchung auch wirklich wahrnehmen. Bei den Frauen sind es dagegen gute 59%. Eine mögliche Ursache für diese Diskrepanz: Frauen werden durch geschlechterspezifische Routineuntersuchungen viel früher an das Thema Gesundheitsvorsorge herangeführt, wodurch gewissermaßen eine Vorsorge-Routine entsteht. Männer haben dagegen das
Gefühl, sich in der Lebensmitte ganz plötzlich um ihre vermeintlichen Schwächen kümmern zu müssen – und sind damit nicht selten überfordert.

 

Allerlei Gründe für die Verweigerungshaltung

Es gibt aber noch andere Gründe für die Zurückhaltung der Männer. So fürchten sich etwa 25% der Männer vor einer schlechten Nachricht bzw. Diagnose. Rund 80% der Männer werden dagegen von langen Wartezeiten abgeschreckt. Ein Arztbesuch, insbesondere ohne konkrete Beschwerden, ist für diese Männer das perfekte Beispiel für Zeitverschwendung. Dabei ist doch genau das die Idee hinter Vorsorgeuntersuchungen: Zum Arzt oder der Ärztin zu gehen, bevor es zur Erkrankung kommt – oder diese zumindest so früh in der Entstehung zu entdecken, dass sie gut und erfolgreich behandelt werden kann.

Rund 20% der Männer haben dagegen Sorge, eine Vorsorgeuntersuchung könne unangenehm oder gar schmerzhaft sein – ein häufiges Missverständnis, über dass die Medizin unbedingt schnellstmöglich aufklären muss. Natürlich ist ein Besuch in der Arztpraxis nicht wirklich verlockend, schmerzhaft oder auch sonderlich unangenehm sind Vorsorgeuntersuchungen aber nicht. Gut, bei einer Darmspiegelung muss man zum Beispiel 24 Stunden vor der Untersuchung den Darm spülen. Das macht keinen großen Spaß, ist aber auch nicht schmerzhaft. Und von der eigentlichen Darmspiegelung, wenn die berüchtigte Kamera in den Hintern geschoben wird – in Wirklichkeit ein dünner Schlauch von 1 Zentimeter Durchmesser, also in etwa so dick wie der gemeine digitus minimus, an dessen Ende eine ebenso winzige Kamera sitzt – bekommt man gar nichts mit.

Ein weiterer Faktor ist das männliche Selbstbild: Manche Männer glauben einfach, die Welt spiele nach ihren Regeln. Und in diesem Welt- bzw. Selbstbild hat eben auch der Körper gefälligst zu funktionieren. Über ihre Sorgen und Befindlichkeiten zu sprechen, hat dabei keinen Platz. Das gilt insbesondere für Beschwerden, die vermeintlich in direktem Bezug zu ihrer Potenz, und somit auch ihrer Männlichkeit stehen.

 

Umfangreiches Vorsorgeprogramm für Männer

Seit langem versucht man deshalb, die hohe Hemmschwelle von Männern zu senken und darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig bereits frühzeitige Präventionsuntersuchungen wirklich sind. Das Angebot existiert zumindest schon: So steht Männern zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr normalerweise eine einmalige, allgemeine Check-Up-Untersuchung zu. Ab dem 35. Lebensjahr kommt ein allgemeiner Gesundheits-Check-Up zur Früherkennung zum Beispiel von Nieren-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes dazu, der alle drei Jahre wahrgenommen werden kann. Ebenfalls ab 35 haben Männer außerdem die Möglichkeit, alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening vornehmen zu lassen.

Ab 45 kommt dann eine jährliche Krebsfrüherkennungsuntersuchung der Genitalien und der Prostata dazu. Liegen keine Risikofaktoren für Darmkrebs vor, zum Beispiel Darmkrebs in der näheren Familie oder eine entzündliche Darmerkrankung, können Männer ab dem 50. Lebensjahr jährlich eine Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung wahrnehmen. Ab dem 65. Lebensjahr haben Männer schließlich einen einmaligen Anspruch auf eine Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Aneurysmen der Bauchschlagader. Das klingt jetzt vielleicht nach einer nie endenden Odyssee aus Vorsorgeuntersuchungen. Tatsächlich finden diese Untersuchungen aber maximal einmal pro Jahr statt, manche auch im 2- oder 3-Jahres-Rhythmus. Für ein gesünderes und längeres Leben also eigentlich ein überschaubarer Aufwand.

 

Die Sache mit den Haaren

Ob auf dem Kopf, im Gesicht, oder auf der Brust – Haare sind für Männer etwas ganz besonderes. Umso schwieriger ist es für den ein oder anderen, mit dem Verlust derselben umzugehen. Und mit ihrem plötzlichen Auftauchen an eher unerwünschten Körperstellen. Zunächst einmal muss man feststellen, dass lichter werdendes Haar, medizinisch Alopezie genannt, nicht zwangsläufig zum Alterungsprozess dazugehört. Vielmehr ist die Hauptursache für weniger Haare auf dem Kopf ein anlagebedingter Haarausfall. Schon bei der Geburt steht der Zeitpunkt des beginnenden Haarausfalls weitgehend fest. Dabei kommt es klassischerweise zunächst zur
Bildung der sogenannten Geheimratsecken, später dann auch zum teilweisen oder gänzlichen Verlust der Haare auf dem Kopf. Daneben gibt es aber noch weitere Formen des Haarausfalls, beispielsweise kreisrunder Haarausfall, bei dem sich das Immunsystem gegen die Haarfollikel wendet. Eine weitere Rolle spielen das männliche Sexualhormon Testosteron und dessen Stoffwechselprodukte. So sorgt Dihydrotestosteron dafür, dass sich der Lebenszyklus der Haare allmählich verkürzt, bis die Haarwurzel schließlich verkümmert und das Haar ausfällt. Derselbe Stoff sorgt übrigens auch dafür, dass ganz plötzlich Haare andernorts am Körper hervorsprießen, beispielsweise in der Nase und auf bzw. in den Ohren.

Dabei handelt es sich aber zunächst nur um ein kosmetisches Problem, dessen man mit einer geeigneten, also stumpfen, Schere Herr werden kann. Mancher Frisör bietet auch an, überflüssiges Haar abzuflammen. Von Pinzetten sollte man dagegen die Finger lassen. Der Grund hierfür ist aber nicht so sehr der Schmerz beim Ausreißen, sondern die Tatsache, dass dabei kleine Verletzungen entstehen, durch die Bakterien eindringen und Infektionen verursachen können.

Vorbeugen kann man einer Alopezie kaum. Natürlich hilft eine gesunde Ernährung, die Haare mit allen notwendigen Nährstoffen zu versorgen. Ein Garant für volles Haar bis ins hohe Alter ist das aber keinesfalls. Nahrungsergänzungsmittel, Shampoos oder Tinkturen, die damit werben, Haarausfall verhindern zu können, sind also mit größter Vorsicht zu genießen bzw. anzuwenden. Wissenschaftlich bestätigt ist eine Wirkung lediglich für die Wirkstoffe Minoxidil und Finasterid. Ansonsten bleibt nur noch eine teure Haartransplantation oder der Griff zur Perücke bzw. dem Hut. Oder natürlich: Man arrangiert sich damit.

 

Typische „Männerkrankheiten“

Wie schon erwähnt, ist der spezifische Lebensstil für viele typische Männerkrankheiten verantwortlich. So sind 80% aller Betroffenen einer alkoholbedingten Lebererkrankung wie Fettleber, Hepatitis und Leberzirrhose männlich. Ähnlich sieht es bei Lungenkrebs aus: Laut Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) ist die Zahl der Sterbefälle mit knapp 30.000 Fällen bei Männern etwa doppelt so hoch wie bei Frauen. Bei Männern ebenfalls doppelt so hoch ist die Zahl der Schlaganfälle. Überhaupt spielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte und Herzinsuffizienzen eine wichtige Rolle, weil Männer besonders häufig gleich mehrere der größten Risikofaktoren hierfür erfüllen, also an Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und/oder an zu hohen Cholesterinwerten leiden. Eine Sonderrolle haben die geschlechtsspezifischen Krebserkrankungen wie Hoden- und Prostatakrebs. Zwar gilt der bösartige Hodentumor als eher selten. In der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen ist er jedoch die häufigste Krebserkrankung. Hauptrisikofaktor für einen Hodentumor ist wohl der Hodenhochstand im Kindesalter, weswegen man(n) insbesondere bei einer entsprechenden Indikation entsprechende Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen sollte.

Sehr viel häufiger ist Prostatakrebs. Tatsächlich ist er mit mehr als 14.000 Todesfällen pro Jahr alleine in Deutschland der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Deutlich erhöht ist das Risiko für Prostatakrebs ab dem 45. Lebensjahr. Gibt es bereits Fälle in der näheren Familie, sinkt dieses Alter erheblich. Besonders tückisch ist, dass Prostatakrebs im frühen Stadium keine Beschwerden verursacht, weshalb er durch das häufige Schwänzen von Vorsorgeuntersuchungen oft erst in einem späten Stadium entdeckt wird – und eine Heilung umso schwieriger ist.

Fazit: Glücklicherweise vollzieht sich in unserer Gesellschaft seit einigen Jahren ein Wandel in der Vorstellung, was Geschlecht ist und wie eine an das Geschlecht angepasste Medizin aussehen kann und sollte. Für Männer ist es hierbei besonders wichtig, althergebrachte Rollenbilder und daraus resultierende Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen – und endlich das volle gesundheitliche Potenzial auszuschöpfen, das im sogenannten starken Geschlecht schlummert.

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