mehr Gelassenheit, weniger Verantwortung

Wenn Eltern Großeltern werden, ist die Freude meist groß. Die neue Rolle erlaubt es vielen, den Umgang mit dem Nachwuchs zu genießen, ohne für alles verantwortlich zu sein. Das eröffnet Chancen, aber auch Risiken.

Wie schön: Großeltern müssen sich wegen ihrer Enkel nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen, auch brauchen sie sich nicht mehr tagtäglich mit kindgerechten Spielen, gesundem Essen oder der neuesten Infektionskrankheit aus dem Kindergarten auseinanderzusetzen. Sie haben idealerweise das Privileg, noch einmal zu sehen, wie so ein Menschenkind das erste Mal lächelt, sich aufrichtet, steht, läuft, sprechen lernt, seinen Weg findet – aber sie sind nicht mehr für alles und jedes, was dieses Kind braucht, verantwortlich. Herzlichen Glückwunsch, kann man ihnen da nur zurufen – Halleluja!

Oma und Opa müssen also gar nichts mehr, aber sie dürfen! Und die meisten von ihnen wollen und können auch. Einer Allensbach-Umfrage zufolge passen mehr als die Hälfte aller Großeltern regelmäßig auf ihre Enkel auf, wenn deren Eltern nicht da sind, 35% unternehmen etwas mit ihnen, 16% nehmen die Enkel auch mal mit in den Urlaub – und nur ein knappes Drittel gibt an, Kindern und Enkeln im Alltag – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu helfen.

Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen sind Oma und Opa in Deutschland im Jahres-Durchschnitt knapp 500 Stunden für ihre Enkel da.

Besonders häufig verlassen sich berufstätige Eltern, erst recht alleinerziehende Berufstätige, auf großelterliche Unterstützung. Aber auch wenn es „nur“ um Kontaktpflege geht, ist die Beziehung zwischen Großeltern, Kindern und Enkeln eine ganz besondere, die viel Schönes, aber durchaus auch Fallstricke birgt, etwa wenn es um verschiedene Ansichten in Erziehungsfragen geht. Dabei muss klar sein: Die großen Linien der Erziehung bestimmen die Eltern, nicht die Großeltern – was im Übrigen ziemlich entlastend sein kann. Und auch nicht bedeutet, dass Oma und Opa in kleineren Dingen wie etwa „ein bisschen länger auf dem Spielplatz bleiben“, „noch eine Geschichte hören“ oder „etwas später ins Bett gehen“ nicht auch mal etwas entspannter mit Regeln und Verboten umgehen können als Mama und Papa, denn auch das macht eine wohltuende großelterliche Gelassenheit aus.

Natürlich kann es zu Meinungsverschiedenheiten kommen, wenn Großeltern sich aus Sicht der Eltern zu sehr einmischen. Um das zu vermeiden, ist es gut, Ratschläge nur zu geben, wenn sie auch erwünscht sind. Das sind sie aber häufig – es kommt aber eben auch auf die Art und Weise an, wie sie gegeben werden. Im Zweifelsfall ist es immer günstiger, sich zunächst zu erkundigen, ob ein Tipp in Ordnung ist, bevor man ihn gibt. Und sich auch anerkennend über die Erziehungsleistung der Jüngeren zu zeigen.

Auch an anderen Stellen kann es Konflikte geben. Zum Beispiel, wenn sich die jungen Eltern unmittelbar nach der Geburt zunächst einmal zurückziehen. Das ist keine Zurückweisung der Großeltern, sondern das Bedürfnis der um ein neues Mitglied gewachsenen kleinen Familie, erst einmal selbst in der neuen Situation zusammenzufinden. Danach können sie den neuen Erdenbürger oder die neue Erdenbürgerin umso glücklicher Oma und Opa vorstellen.

Neue Erfahrungen

Enkel zu haben hält jung. Klettern, sich in der digitalen Welt zurechtfinden, neue Musikrichtungen kennen lernen oder auch nur den Kleinen bei den Hausaufgaben helfen, das hält körperlich und geistig nicht weniger beweglich als etliche Fitness- und Volkshochschulkurse. Es kann aber auch ganz schön anstrengend sein. Übernehmen Sie deshalb nur „Dienste“, die Ihnen auch wirklich Freude machen und die Sie nicht über Gebühr belasten. Und setzen Sie klare Grenzen, was Sie nicht mögen oder nicht (mehr) können – zum Beispiel ein Kleinkind tragen, wenn Ihnen der Rücken wehtut, oder Transportdienste übernehmen, wenn Sie eigentlich eigene Termine haben. Denn bei aller Freude über die Enkel und das hoffentlich innige Verhältnis zu der neuen jungen Familie: Vernachlässigen Sie Ihr eigenes Leben nicht!

Denn eigene Kontakte zu Bekannten und Freunden, private oder auch berufliche Projekte, Sport, Ehrenämter – das alles sind Dinge, die zu einem fitten und zufriedenen Leben beitragen und die es Ihnen ermöglichen, Ihre Enkel einmal so ins Leben loszulassen, wie Sie einmal Ihre Kinder losgelassen haben.  Denn Enkel, die älter werden, mögen ihre Großeltern zwar meist ein Leben lang,
verbringen aber – so ist der Lauf des Lebens – immer weniger Zeit mit ihnen.

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