Schützt Eure Augen – geht raus!

Um die 15 Prozent aller Kinder sind bis zum Ende ihrer Grundschulzeit kurzsichtig. Sind die Kleinen täglich mindestens zwei Stunden bei Tageslicht im Freien, sinkt ihr Risiko aber beträchtlich.

Kurzsichtigkeit entsteht, wenn der Augapfel zu lang ist – im Verhältnis zur Brechkraft des Auges. Denn dann kommen die Lichtstrahlen, die von Hornhaut und Linse gebündelt werden, nicht auf der Netzhaut zusammen, sondern davor, so dass nur die Gegenstände scharf erscheinen, die sich nah vor dem Auge befinden.

Kurzsichtige Kinder versuchen oft, die unscharfen Bilder, die ihre Augen ihnen liefern, mit einem einfachen Kunstgriff zu verbessern: Sie kneifen die Augen zum besseren Sehen zu. Durch die zugekniffenen Lider verkleinert sich die Pupille und die Trennschärfe steigt an, etwa so wie beim Fotografieren die Tiefenschärfe durch Verkleinerung der Blende erhöht wird. Der typischen Angewohnheit des Blinzelns verdankt die Kurzsichtigkeit übrigens ihren medizinischen Namen: „Myops“ heipt auf griechisch „Blinzelgesicht“ – daher der heutige Fachausdruck „Myopie“ für Kurzsichtigkeit.

Nicht nur die Gene sind verantwortlich

Wie viel das Auge im Laufe der Kindheit insgesamt, aber vor allem auch in die Länge wächst, liegt zum Teil in den Genen: Sind die Eltern selbst kurzsichtig, besteht auch für das Kind das Risiko, kurzsichtig zu werden. Aber auch das Verhalten in Kindheit und Jugend spielt eine wichtige Rolle. „Naharbeit“ – das heißt längeres konzentriertes Schauen auf ein Objekt in einem Abstand unter 30 cm – fördert das Wachstum des Augapfels, erläutert Dr. Andrea Lietz-Partzsch vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA): „Zu nennen sind hier beispielsweise Lesen, Handarbeit und insbesondere die sich wachsender Beliebtheit erfreuende Beschäftigung mit Smartphone, Tablet und Co.“

Als besonders ungünstig für Kinder gelten das pausenlose Lesen über mehr als 30 Minuten hinweg, das „Lesen mit der Nase“ mit einem geringen Abstand der Augen vom Text sowie das Lesen bei spärlicher Beleuchtung.

Einen positiven Einfluss auf die Sehkraft besonders von Kindern und Jugendlichen hat dagegen das Tageslicht, hebt die Stiftung Kindergesundheit hervor. Etliche Untersuchungen belegen, dass Kinder umso seltener kurzsichtig werden, je mehr sie im Freien spielen. Beim längeren Aufenthalt an der frischen Luft blickt das Auge meist in die Ferne und nicht auf Objekte in der Nähe. „Schon zwei Stunden tägliche Aktivitäten bei Tageslicht können das Auftreten der Kurzsichtigkeit bei Kindern halbieren, betont Giulia Roggenkamp von der Stiftung Kindergesundheit. Dabei spielt weniger die Intensität der Sonnenstrahlung eine Rolle als die Dauer des Aufenthalts unter freiem Himmel. „Schon relativ geringe Intensitäten des Lichts um 1000 Lux und darüber, die etwa der Umgebungshelligkeit unter Bäumen entsprechen, zeigen einen Effekt. Auch der Anteil der ultravioletten Strahlen scheint keine besondere Bedeutung zu haben.“

Nach 30 Minuten Lesen 10 Minuten Pause

Aufgrund dieser Erkenntnisse hätten die Erziehungsbehörden des chinesischen Inselstaates Taiwan bereits vor zehn Jahren besondere Regeln für Schulkinder eingeführt. Eine der dortigen Richtlinien empfiehlt jeden Tag zwei Stunden Aufenthalt im Freien, eine weitere, dass das Lesen alle
30 Minuten für zehn Minuten unterbrochen werden sollte. „Das Befolgen dieser zwei einfachen Regeln konnte die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit bei taiwanesischen Kindern tatsächlich nachweislich verringern.“

Eine US-amerikanische Studie wiederum zeigte, dass jede Stunde Aufenthalt pro Woche bei Tageslicht das Risiko um circa zehn Prozent senkt. Eine australische Studie mit über 1.300 Teilnehmern ergab dagegen, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Kurzsichtigkeit verdoppelt, wenn man weniger als 30 Minuten täglich dem Tageslicht ausgesetzt ist.

Kurzsichtigkeit nimmt weltweit zu

Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet eine starke Zunahme der Kurzsichtigkeit – bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte gut die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen sein und mehr als 500 Millionen Menschen könnten bis 2030 mit einer starken Kurzsichtigkeit von -6 Dioptrien oder mehr konfrontiert sein. Das birgt gesundheitliche Folgeprobleme:

Stark kurzsichtige Augen haben auch ein größeres Risiko für die Entwicklung von Folgekrankheiten, wie etwa Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star), Netzhautablösung und myope Makuladegeneration.

Um der Kurzsichtigkeit so gut es geht entgegenzuwirken, lautet die augenärztliche Empfehlung vor allem für Kinder und Jugendliche: Die Beschäftigung mit Smartphones & Co sollte zeitlich begrenzt sein – Kleinkinder sollten sich am besten gar nicht damit befassen. Zudem ist eine gute Beleuchtung bei Naharbeiten wie beispielsweise Hausaufgaben besonders wichtig – und die Kids sollten sich mindestens zwei Stunden täglich im Freien aufhalten. Um sicherzugehen, dass sich das Sehvermögen normal entwickelt, sollten Kinder darüber hinaus spätestens mit dreieinhalb Jahren augenärztlich
untersucht werden.

„Heilen“ lässt sich eine Kurzsichtigkeit nicht, betont die Stiftung Kindergesundheit: Ist der Augapfel zu lang, schrumpft er nicht wieder. Ist Kurzsichtigkeit einmal vorhanden, bleibt sie bestehen und nimmt sogar bis ins Erwachsenenalter zu. Tröstlich zu wissen ist aber: Kurzsichtigkeit lässt sich aber mit Brillen oder Kontaktlinsen gut korrigieren und kann in einem gewissen Umfang auch eingedämmt werden.

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