Tagträmerei – auf Umwegen direkt zum Ziel

Zeit mit der Familie, Verabredungen mit Freunden, Deadlines im Beruf – bei all unseren vielfältigen Alltagsverpflichtungen bleibt vermeintlich kaum Platz, mal die Seele baumeln zu lassen. Dabei sollten wir uns viel mehr mit dem Nichtstun beschäftigen. Denn die Gedanken schweifen zu lassen, regt unsere Kreativität an und hilft uns dadurch, selbst für komplizierte Probleme eine Lösung zu finden. Tagträumerei ist also längst keine Zeitverschwendung!

Als Newton den fallenden Apfel sah und daraufhin erstmals die Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft beschrieb, saß er gerade gemütlich vor sich hin sinnierend unterm Apfelbaum. Und der Mann, der nackt durch die Straßen lief und wie von Sinnen Heureka! rief, war Archimedes. Von der Aufgabe erschöpft, herauszufinden ob die Krone des Königs auch wirklich aus Gold sei, war der kurz zuvor in seine Badewanne gestiegen. Als er dann so da lag und beobachtete, wie das Wasser über den Wannenrand strömte, entdeckte er das Prinzip der Dichte von Körpern – und war daraufhin nicht nur des Königs Liebling, sondern bekanntermaßen auch ganz aus dem Häuschen. Ohne die Entdeckungen dieser beiden Müßiggänger wäre unser Leben heute um einiges komplizierter.

Nichtstun ist eine Einladung an die Kreativität

Trotzdem hat das bewusste Nichtstun, die gewählte Untätigkeit, der Leerlauf, die freie Zeit, die Mußestunde in unserer heutigen Gesellschaft einen eher schweren Stand. Was vor allem zählt, ist die Produktivität im Sinne von Benjamin Franklins Grundsatz, Zeit sei Geld. Und so legen wir uns ständig schnellere Datenleitungen und leistungsfähigere Handys zu und sind permanent online und allzeit erreichbar.

Die Folge: Wir leiden an Reizüberflutung und dem Gefühl ständiger Überforderung. Wir haben nicht so sehr ein Problem damit, Höchstleistungen zu erbringen. Wir haben ein Problem damit, einfach mal abzuschalten. Dabei konnten Hirnforscher und Psychologen mittlerweile aufzeigen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns insbesondere für unsere Kreativität sind. Tatsächlich ist der präfrontale Cortex, also der Teil des Gehirns, der unsere Kreativität und unsere Fähigkeit beherbergt, Probleme zu lösen, während des Tagträumens besonders aktiv.

Hirnforscher vermuten daher, dass das Gehirn dabei auf einen riesigen Schatz an gespeichertem Wissen und Erfahrungen zurückgreifen kann, weil es nicht durch den „Alltagsgedankenstrom“ verstopft ist. Vor allem bei uns bekannten Problemen, über die wir eventuell schon eine ganze Weile nachdenken, die wir x-mal durchgekaut haben, ohne eine Lösung für sie zu finden, kann ein bisschen süßes Nichtstun dazu führen, dass der gordische Knoten endlich durchschlagen wird – und wir blitzartig erleuchtet werden.

Wir sind unfähig, zur Ruhe zu kommen

Wie ungewohnt das produktive Nichtstun wirklich für uns ist, wird deutlich, wenn wir uns unvermittelt darauf einlassen sollen, zum Beispiel beim Warten auf die Bahn. Trotz der Tatsache, dass wir zu diesem Zeitpunkt genau das tun, was notwendig ist, und auch gar nicht viel mehr tun können, außer die Gedanken schweifen zu lassen, befällt uns eine Unruhe, ein diffuser Tatendrang – als bräuchten wir ein Alibi, das belegt, dass wir keine Zeit verschwendet haben. Wir wissen nichts mit uns anzufangen und sehnen uns nach einer Beschäftigung, einer Ablenkung. Manchmal ist uns auch schlicht und ergreifend langweilig. Eigentlich wäre nun die perfekte Möglichkeit gekommen, diese „Gedankenlücke“ mit Kreativität zu füllen. Doch stattdessen zücken wir geschwind das Smartphone und stürzen uns in die unendlichen Fluten des Internets – und verpassen damit die Chance, unsere Zeit bewusst und selbstbestimmt zu gestalten, indem wir unserem Gehirn die Möglichkeit geben, aus dem Hamsterrad zu steigen und für kurze Zeit zu verschnaufen.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die moderne Schlafforschung. Sie konnte durch mehrere Experimente aufzeigen, wie Lernleistungen durch eine entspannte Nachtruhe samt Tiefschlafphase deutlich verbessert wurden. Vor allem unser Fakten- und Wissensgedächtnis profitiert von ausgiebiger Nachtruhe. Fällt der Schlaf dagegen aus, ist auch der Lerneffekt deutlich geringer. Forscher vermuten daher, dass unser Gehirn tagsüber gelerntes Wissen während des Schlafs noch einmal vergegenwärtigt, quasi noch einmal durchspielt, wodurch wir es uns besser einprägen können.

Es können aber auch all jene aufatmen, denen ein erholsamer nächtlicher Schlaf aus irgendeinem Grunde verwehrt bleibt. Denn Studien haben gezeigt, dass sich schon ein kurzes Dösen oder ein kleiner Mittagsschlaf positiv auf unsere Leistungsfähigkeit auswirkt – insbesondere dann, wenn wir dabei in mindestens eine Traumphase abgleiten. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Experten vor allem in der Geschäftswelt mittlerweile einen Paradigmenwechsel fordern: weg von ständiger Erreichbarkeit und konstantem Leistungsdruck, und hin zu einem Arbeitsmodell, bei dem die zwischenzeitliche und bewusste Auszeit einen festen Platz im Arbeitsalltag hat.

Fazit: Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass Sie dies hier gerade in einem Wartezimmer lesen. Also während so einer Art verordneten Nichtstuns. Hoffentlich hat Ihnen der Artikel gefallen. Aber eigentlich könnten Sie es ab jetzt auch mit Peter Lustig halten und einfach mal…abschalten. Also Abschalten und etwas Tagträumen. Und wer weiß, vielleicht werden Sie ja der neue Archimedes! Für den Fall hoffe ich bloß, dass wir in derselben Stadt wohnen …

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