Sport trotz Vorerkrankung

5 Fragen zum Thema „Sport trotz Vorerkrankungen“ an Dr. Nicolas Gumpert:

 

Zwischen überbordener Motivation und unbegründeten Ängsten

Herr Dr. Gumpert, im Allgemeinen gelten sportliche Betätigung und körperliche Aktivität als gesund. Wer nun aber schon an einer Vorerkrankung leidet, verzichtet manchmal lieber auf Sport. Ist das aus orthopädischer Sicht sinnvoll?

So pauschal kann man das nicht sagen. Natürlich gibt es Vorerkrankungen, die es notwendig machen, bestimmte Sportarten ad acta zu legen. Darüber hinaus gilt in der Orthopädie aber immer der Grundsatz: Wer rastet, der rostet! Denn wenn wir uns nicht bewegen, verschleißt unser Bewegungsapparat stärker und schneller, als wenn wir mobil bleiben.

Das klingt jetzt vielleicht paradox, ist aber schnell erklärt: Durch den physikalischen Reiz, der durch Bewegung entsteht, wird auch die Regeneration stimuliert. Gelenke, Muskeln und Sehnen werden durch maßvolle Bewegung gestärkt. Eine moderate Form der Belastung kann bei der Behandlung und Rehabilitation bestehender Erkrankungen also sogar nützlich sein.

Manche Menschen haben aber auch einfach Angst davor, die Situation unbeabsichtigt zu verschlimmern. Wie gehen Sie damit um?

Ängste spielen in unserem Praxis-Alltag eine große Rolle. Manchmal sind diese Ängste eher abstrakt und schwer greifbar. Bei anderen Patienten sind sie dagegen aus der Erfahrung geboren und sehr konkret. Besonders häufig ist zum Beispiel die Angst vor Schmerzen, die bereits zuvor einmal aufgetreten sind. Hier ist es wichtig, den oder die Patientin mit ins Boot zu holen und so etwas wie eine Partnerschaft herzustellen.

Ich versuche beispielsweise zu erklären, dass mein Behandlungserfolg darin besteht, dass solche Schmerzen nicht mehr auftreten – ich habe also quasi dasselbe Ziel wie der Patient oder die Patientin. Allerdings gibt es hier auch Grenzen: Natürlich kann ich versuchen, unbegründete Ängste zu zerstreuen. Für eine echte Angststörung ist ein Orthopäde aber der falsche Ansprechpartner.

Das klingt so, als würde auch die Psychologie bei Ihrer Arbeit eine Rolle spielen…

Das tut sie auch, aber wahrscheinlich etwas anders, als Sie nun denken. Tatsächlich müssen wir psychologische oder psychosomatische Aspekte bei der Behandlung immer berücksichtigen. Für meinen Praxisalltag kann ich zum Beispiel sagen, dass bei mindestens 50% aller orthopädischen Beschwerden eine psychosomatische Komponente mitschwingt, bei Rückenschmerzen liegen wir wohl sogar bei rund 80%.

Außerdem nehmen wir Schmerzen stärker war, wenn wir in einer schlechten Stimmung sind. Wer sich eine positive Einstellung bewahrt, erträgt Schmerzen und Leidensdruck dagegen viel besser. Auf den Behandlungserfolg hat die psychische Verfassung also definitiv Auswirkungen.

Und auf die Motivation?

Auf die natürlich auch! Wer sich besser fühlt, ist tendenziell leistungsfähiger. Und wer leistungsfähiger ist, fühlt sich auch besser. Das geht sogar so weit, dass wir manche Patientinnen und Patienten bremsen müssen, weil sie zu schnell zu viel wollen. Da wird dann keine Rücksicht mehr auf Belastungsgrenzen oder die individuelle Verfassung genommen. Stattdessen wird trainiert wie verrückt, weil die psychische Ausgeglichenheit stärker bewertet wird als der eventuelle Schmerz aufgrund irgendwelcher Vorerkrankungen. Für die Behandlung ist eine so überbordende Motivation natürlich auch problematisch.

Bei welchen konkreten Vorerkrankungen sollte man mit dem Sport zurückhaltend sein?

Ganz allgemein könnte man sagen, dass bei Vorerkrankungen des Herzens und der Lunge Vorsicht geboten ist. Wer beispielsweise an einer Herzschwäche oder einer COPD leidet, wird bei körperlicher Belastung schnell an seine Grenzen stoßen – und diese Grenzen sollten dann auch keinesfalls überschritten werden. Stattdessen sollte man mit der Fachärztin oder dem Facharzt im Vorfeld abklären, welche Belastungen möglich sind, und sich auch während
des Trainings entsprechend betreuen lassen. Aber auch bei starken lumbalen
Rückenschmerzen, also Rückenschmerzen in der Lendenwirbelsäule, ist sportliche Aktivität manchmal kaum möglich.

Und genau das ist auch der springende Punkt: Wenn Sport aus irgendeinem Grund unmöglich wird, sollte man nicht versuchen, auf Teufel komm raus aktiv zu werden. Andererseits kann man selbst viele Bettlägerige mit bestimmten Bewegungsübungen noch begrenzt mobil halten.

Gesunde Bewegung ist also immer auch ein kleiner Balanceakt.

Vielen Dank für dieses Interview,  Herr Dr. Gumpert!

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