wirklich Nachhaltig ist nur ein gewisses Maß an körperlicher Aktivität

5 Fragen zum Thema „Gelenkbeschwerden während der kalten Jahreszeit“
an Dr. Nicolas Gumpert:

Herr Dr. Gumpert, viele Menschen mit Gelenkbeschwerden klagen, dass sie vor allem in der kalten Jahreszeit mehr Probleme haben. Woran liegt das?
Bisher sind sich die Wissenschaftler da noch nicht ganz einig. Es wird aber vermutet, dass es weniger mit der Kälte als mit der Veränderung des Luftdrucks zusammenhängt. So scheinen Tiefdruckgebiete, die typischerweise mit nasskaltem Wetter einhergehen, die Schmerzrezeptoren zu sensibilisieren, wodurch es dann zu einer Intensivierung der Beschwerden kommt. Gefühlt spielt die Kälte aber die Hauptrolle.

Gibt es typische Vorerkrankungen, die hierfür besonders anfällig machen? Oder kann einem die Witterung auch völlig unvermittelt in die Gelenke ziehen?
Üblicherweise geht eine solche Verschlimmerung mit degenerativen Erkrankungen der Gelenke einher, beispielsweise einer Arthrose oder einer rheumatischen Erkrankung. Wir kennen das Phänomen aber auch in Zusammenhang mit Narbengewebe: Obwohl die eigentliche Verletzung seit
Jahren ausgeheilt ist, kann es hier ebenfalls zu Irritationen bis hin zu Schmerzen kommen.

Gibt es Möglichkeiten, sich irgendwie auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten, um Beschwerden dieser Art zu vermeiden?
Generell kann man sagen, dass Gelenke, die regelmäßig bewegt werden, weniger anfällig für Beschwerden aller Art sind. Vor allem eine weitgehend gleichbleibende Belastung ohne Spitzen, beispielsweise wie beim Training mit dem Ergometer oder dem Crosstrainer, bietet sich an, um die Gelenke geschmeidig zu halten. Allerdings ist es empfehlenswert, damit nicht erst im Herbst anzufangen, sondern möglichst regelmäßig das ganze Jahr über zu trainieren. So vermeidet man auch, sich durch plötzliches und zu intensives Training zu verletzen, weil man sich vor der kalten Jahreszeit noch „auf die Schnelle“ fit trainieren wollte.

Erfahrungsgemäß lässt der Bewegungsdrang ohnehin aber eher nach, wenn es draußen nass und kalt ist…
Da muss man dann leider durch. Es geht ja aber auch nicht darum, durch Schneewehen zu joggen, sondern wenigstens ein- bis zweimal in der Woche vielleicht für eine halbe oder eine Stunde ein kleines Bewegungspensum zu absolvieren. Und das geht auch wunderbar im Warmen. Problematischer ist für viele Menschen eher, die eigenen Körpersignale richtig zu deuten. So kann gerade bei den degenerativen Gelenkbeschwerden häufig der sogenannte Anlaufschmerz auftreten, den man erst überwinden muss.

Das heißt, die ersten Schritte oder Bewegungsabläufe tun etwas weh, bis der Schmerz nach einigen Sekunden abebbt. Nach einer gefühlten initialen Verschlechterung tritt eine tatsächliche nachhaltige Verbesserung ein. Von diesem Anlaufschmerz darf man sich also nicht entmutigen oder verunsichern lassen. Verschlimmern sich die Beschwerden während oder direkt nach dem Training allerdings, sollte man keinesfalls einfach weiter trainieren und die Schmerzen ignorieren. Dann herrscht hier in irgendeiner Art Korrekturbedarf.

All die Möglichkeiten, die Sie bisher genannt haben, sind an körperliche Aktivität gekoppelt. Gibt es denn keine passiven Mittel, um Gelenkschmerzen während der kalten Jahreszeit zu lindern?
Doch, die gibt es! Dazu gehört zum Beispiel die Kälteprotektion mithilfe von Schonern oder Bandagen. Für eine schnelle Linderung kann man sich auch einfach in der Sauna aufwärmen. Das ist erfahrungsgemäß aber nur von kurzer Dauer, denn sobald man sich wieder etwas abgekühlt hat, kehren auch die Beschwerden zurück. Generell muss man aber einfach sagen, dass die aktive Lösung in den allermeisten Fällen besser als die passive ist. Bewegung, Training oder Yoga sind einfach erfolgversprechender und nachhaltiger als warme Wickel.

Nicht umsonst gilt in der Orthopädie mehr als in allen anderen medizinischen Bereichen das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ – und zwar nicht nur bei nasskaltem Wetter, sondern das ganze Jahr über.

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Dr. Gumpert!

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