Eine Operation ist nur in seltenen Fällen sinnvoll

6 Fragen zum Thema „Bänderverletzungen“ an Dr. Nicolas Gumpert:

Herr Dr. Gumpert, was haben die Bänder für eine Funktion?

Im Grunde dienen die Bänder der Stabilisierung eines Gelenks. Sie bestehen aus einem faserigen Bindegewebe, das sich nur bis zu einem gewissen Punkt dehnen lässt, so dass das Gelenk in seinem Bewegungsradius bleibt. Vielleicht etwas anschaulicher erklärt: Wenn das Gelenk gebeugt ist, sind die Bänder maximal gestreckt; ist das Gelenk gestreckt, ist auch das Band entspannt.

Welche Arten von Bänderverletzungen gibt es?

Die Bänderverletzungen werden eingeteilt in verschiedene Schweregrade. Das fängt mit der Bänderdehnung an, auch bekannt als Zerrung. Die ist erst einmal völlig harmlos und heilt problemlos wieder aus. Dann gibt es noch den Bänderanriss bzw. Bänderteilriss, durch den eine Instabilität im betroffenen Gelenk entsteht. Und schließlich gibt es noch die komplette Bandruptur, also den berüchtigten Bänderriss. Hier ist die Instabilität voll ausgeprägt. Der Übergang zwischen Dehnung und Anriss ist dabei aber einigermaßen fließend, so dass verschiedene Ärztinnen oder Ärzte unter Umständen auch unterschiedliche Diagnosen stellen. Letztlich geht es in der Therapie aber immer vor allem darum, wie viele Fasern kaputt sind.

Wie häufig haben Sie in Ihrer Praxis mit Bänderverletzungen zu tun?

Bandverletzungen sehe ich eigentlich täglich. Die häufigste Verletzung ist dabei eine Bandverletzung des Sprunggelenks, insbesondere am Außenknochen des Sprunggelenks. Die entstehen vor allem durch simples Umknicken. Natürlich gibt es aber auch saisonale Unterscheide: Im Winter kommen zum Beispiel noch die skibedingten Verletzungen dazu, bei denen es sich häufig um Knieverletzungen handelt. Der Grund ist schnell erklärt: Wenn man sich zwei Meter lange Latten an die Füße macht, die sich ungünstig drehen, entlädt sich dieser Hebel eben im Kniegelenk. Im Sommer häufen sich dagegen sowohl die Verletzungen des Sprunggelenks als auch des Kniegelenks, meist verursacht durch die klassischen Ballsportarten.

Wie werden Bänderverletzungen üblicherweise behandelt?

Standardmäßig wird das Gelenk zunächst ruhiggestellt. Und zwar egal, wie schwer die Verletzung ist. Das machen wir vorwiegend mit Bandagen. So blockieren wir die Richtung, die das Band eigentlich unterstützen würde. Die Bandenden liegen dabei nah beieinander, so dass sie vernarben und über einige Wochen schließlich ausheilen können. Bei einer Teilruptur oder Ruptur sollte das Gelenk in der Bewegungsrichtung, in der es verletzt ist, komplett ruhiggestellt werden, so dass die verletzten Bandenden nicht immer wieder auseinandergezogen werden. Nur bei einer Dehnung kann man eventuell noch etwas Restbeweglichkeit erhalten.

Vor Jahren wurden vor allem Bandverletzungen des Sprunggelenks oder der Kniegelenke häufig noch operiert. Hat sich das mittlerweile geändert?

Wir wissen heute, dass alle Bänder grundsätzlich die Möglichkeit haben, wieder auszuheilen und ihre Funktion auch weiterhin zu erfüllen. Eine Operation wird daher nur noch selten favorisiert. Insbesondere im Profisport wird aber noch immer operiert, wenn durch eine Operation eine schnellere Genesung zu erwarten ist.

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Dr. Gumpert!

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